Zur Gemeinschaftsausstellung 2016 v. Dr. Anke Carstens-Richter

Liebe Mitglieder, liebe Freunde des Kunstvereins,

wie gestern, am 03. November d.J., bereits hoffnungsvoll angedeutet, können wir uns darüber freuen, dass uns nun auch Anke Carstens-Richter den Text ihrer Einführungsrede anlässlich der Gemeinschaftsausstellung des Kunstvereins zur Verfügung gestellt hat; er ist im Folgenden ungekürzt nachzulesen.  – Liebe Anke, von hier aus noch einmal ein herzliches ‚Dankeschön‘ für Deinen gelungenen Beitrag zur Ausstellungseröffnung und die Möglichkeit, ihn hier veröffentlichen zu können (HJH).

 

Kunst verbindet…

Gemeinschaftsausstellung des Kunstvereins Schleswig und Umgebung e.V. im Okt./Nov. 2016

Zu dieser schönen Ausstellung möchte ich Sie alle ganz herzlich begrüßen, vor allem aber die Kunstschaffenden, denn Sie haben den Titel der Gemeinschaftsausstellung des Kunstvereins Schleswig und Umgebung “Kunst verbindet…” auf sehr kreative Weise umgesetzt und interpretiert. Und das nicht nur auf den Bildern, die hier in der Volkshochschule zu sehen sind, sondern ebenso auf den zahlreichen Bildern, die in so vielen Schaufenstern der Stadt ausgestellt sind, von Friedrichsberg bis zum Gallberg.

Dazu möchte ich Ihnen allen ganz herzlich gratulieren, demonstrieren Sie durch Ihre Beteiligung doch ganz deutlich, dass Sie nicht nur für sich im stillen Kämmerlein malen und zeichnen, sondern alle Bürger – und auch die Touristen unserer schönen Kulturstadt – einbeziehen in das Motto “Kunst verbindet…”

Vor wenigen Tagen las ich eine dpa-Meldung über den Malbuch-Boom in Deutschland, der bei den Stifte-Herstellern Schwan-Stabilo und Faber-Castell zu einem enormen Umsatz-Plus geführt hat. Es war bei beiden Unternehmen vom höchsten Umsatz in der gesamten Firmengeschichte die Rede. Und das alles, weil es einen Ausmaltrend bei Erwachsenen gibt, der zu einem Einnahme-Zusatz von 18 Prozent geführt hat. Und was malen Erwachsene nun mit so viel Inbrunst an bzw. aus? Das sah ich kurze Zeit später auf einem gesonderten Stand in der größten Buchhandlung Schleswigs, als ich an der Kasse wartete: Neben mit türmten sich Mandala-Hefte verschiedenster Sorten, `mal mit floralen Formen, `mal in rein abstrakter Formensprache, ´mal in einer Mischung unterschiedlicher Formelemente, immer vollkommen flächig. Und diese Farbflächen sollen offenbar mit Stabilo- oder Faber-Castell-Stiften farbig ausgefüllt werden, die, strategisch gut verteilt, neben den Mandala-Ausmalbüchern zum Kauf angeboten wurden. Angeblich soll eine derartige Tätigkeit zu Meditation und innerer Ruhe führen. Das glaube ich gern, aber ist sie auch kreativ?

Sicherlich nicht in dem Maße, wie wir es hier vor Augen geführt bekommen: Da haben sich die Kunstschaffenden unseres Vereins auf die Suche nach Motiven begeben, die etwas mit ihrem sichtbaren Umfeld zu tun haben, beispielsweise mit herausragenden Architekturen wie dem Klosterbau am Schleswiger Rathaus zur Zeit der Rittersporn-Blüte, dem Globushaus hinter einem prächtigen Tulpenbeet oder einer Schlossruine; sie haben Stadtsilhouetten und Landschaften in unterschiedlichen Graden der Abstraktion gemalt oder das Motto “Kunst verbindet…”  ganz wörtlich genommen und eine Gruppe von Menschen in Rückenansicht gemalt, die alle nur ein Ziel haben, nämlich das Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf.

Die meisten der hier präsentierten Bilder sind übrigens mit Acrylfarben gemalt, einige mit Ölfarben, andere in Mischtechniken. Ganz wenige Holzschnitte sind zu sehen und ebenso wenige Fotografien, allerdings besonders eindrucksvolle. Während das erste eine Atelier-Szenerie zeigt, aber außer mit einer im Mittelpunkt im Stuhl sitzenden Frauenfigur, vermutlich der Künstlerin, ist rechts von ihr ein Bild im Bild zu sehen, und man fragt sich, ob die Ganzkörperfigur des Mannes ein Gemälde darstellt, das gerade in Arbeit ist, oder ob es der Fotograf ist, der die sorgfältig arrangierte Szene aufgenommen hat und im Spiegel zu sehen ist. Für letzteres spricht die Kamera in seinen Händen. Das Foto daneben mit dem Titel “Brexit” – es zeigt eine vom Sturm zerfledderte englische Flagge – hat geradezu eine politische Dimension, die allerdings weniger Assoziationen an Verbindungen weckt als vielmehr an Trennung.

Das Thema “Bild im Bild” ist auch auf dem Holzschnitt “Großer Hund zu bewundern, auf dem der elegant im Zentrum der Komposition lagernde Windhund umgeben ist von Stillleben mit vegetabilen Formen, die dennoch zu einer stilistischen Einheit verbunden sind.

Überhaupt gibt es eine Vielzahl von figürlichen Darstellungen auf den Bildern zu entdecken, von im Garten spielenden Kinder – darunter ein Junge mit Akkordeon – über ein fein schraffiertes, mit Bleistift gezeichnetes Porträt von Wilhelm Busch bis zu einem übergewichtigen Strand-Spaziergänger, wie es so erschreckend viele an den Küsten Schleswig-Holsteins zu beobachten gibt. Eine Frau kokettiert mit ihrem Hut, eine stark stilisierte “Vera” schaut uns unverwandt aus ihrem hochgeschlagenen Mantelkragen ins Gesicht, und eine kleine Frauenfigur scheint über einer großen Farbfläche, wohl einer Mauer, eher zu schweben als zu sitzen.

Während etliche der Bilder idyllische Situationen wie Sonnenuntergänge am Meer, Blumenpracht, schnäbelnde Flamingos oder Reflexionen eines Bootes im leicht bewegten Wasser thematisieren, wecken andere Bilder Assoziationen an die Schrecknisse und die Übermacht der Natur, wenn Winde entfesselt werden, Segelboote in heftige Turbulenzen geraten oder bei einer Eruption Feuer aus einem Vulkan gespien wird.

Bei manchen Bildern lohnt es sich, die Oberflächenstruktur genau anzuschauen, denn sie haben teilweise reliefartigen Charakter, z.B. die Komposition “Leichter Sinn” oder die “Versteinerungen” in fein abgestuften Grautönen. Und eine Collage mit dem Titel “Frieden!” als Appell ist sogar dreidimensional angelegt.

Es gibt natürlich auch Bilder mit zunächst etwas rätselhaften Titeln wie etwa “Krusenkoppel”, auf dem verschiedene Versatzstücke von Spielgeräten collagenartig dargestellt sind, die während der alljährlichen “Kieler Woche” zum Vergnügen der Kinder an der Spiellinie aufgebaut werden. Auch bei dem Bild mit dem Titel “Eingang ins Ungewisse” ist das Ungewisse durch die Farbe Schwarz gekennzeichnet, also nicht zu deuten, scheint aber nicht allzu viel Positives zu versprechen, ist doch das meistens durch eine helle, leuchtende Farbgebung gekennzeichnet.

Mit einem Ausspruch von Friedrich Schiller wünsche ich Ihnen allen nun viel Freude beim Betrachten und Entschlüsseln der Bilder hier und beim Entdecken in den Schaufenstern der Schleswiger Geschäfte. Der Satz lautet: “Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken”. Ich fühle mich schon beglückt.

Dr. Anke Carstens-Richter                           

 

 

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