Exkursion zum Museumsberg Flensburg

Nur noch bis zum 29. Januar ist auf dem Museumsberg Flensburg die sehr lohnende, nachdenklich stimmende Ausstellung „(un)beteiligt. Kunst im Dritten Reich: Aus der Sammlung des Museumsberg Flensburg“ zu sehen. Vielleicht ermuntert der ausführliche Bericht unseres Vorstandsmitglieds Horst-Peter Junge über den Ausstellungsbesuch der Mitglieder des Kunstvereins noch einige Interessierte, in die Fördestadt zu fahren und ein besonderes Kunsterlebnis wahrzunehmen. Ansonsten erhält man durch den Artikel einen guten Einblick in eine Phase unserer Geschichte, in der die Freiheit der Kunst unterdrückt wurde und in der Kunstschaffende das System der Machthaber unterstützten.

Besuch der Ausstellung:
„(un)beteiligt – Kunst im Dritten Reich: Aus der Sammlung des Museumsberg Flensburg“

Eine besonders sehenswerte Ausstellung im Museumsberg Flensburg war das Ziel der Exkursion am Mittwoch, dem 7. Dezember 2016, an der rund 30 Interessierte aus den Kunstvereinen von Schleswig und Husum teilnahmen. Mit dieser Ausstellung hat das Museum begonnen, seine eigene Vergangenheit aus den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur aufzuarbeiten.

Konzipiert wurde dieses Projekt von Maria Migava, Volontärin des Museums und angehende Kunsthistorikerin, die uns auch durch die Ausstellung führte. Zur Vorbereitung der Ausstellung hat Migava im Museumsmagazin Kunstwerke gesichtet und alte Briefe und Dokumente ausgewertet. Mit der Ausstellung hinterfragt das Museum nicht nur die Rolle von Kunst und Künstlern im Dritten Reich, sondern auch die eigene Position, dabei auch die Rolle von Dr. Fritz Fuglsang, Kunsthistoriker und Museumsdirektor von 1927- 1961.
Fuglsang, aktiver Unterstützer des Deutschtums und intensiver Sammler von Volkskunst des ehemaligen Herzogtums Schleswig, bot in seinem Haus eine ideale Bühne für die öffentlichkeitswirksame Präsentation nordischer Kunst. Zweifelsfrei kann ihm eine politische Nähe zum NS-System nachgewiesen werden.
Bei der Auswertung des Archivs stellte Migava fest, dass für die Jahre 1933 – 1945 keine Ausstellungsakten mehr auffindbar waren; man hatte sie offensichtlich weggeschafft. Zum Glück gab es noch in anderen Museen Briefwechsel aus dieser Zeit mit dem Museumsberg und es konnten künstlerische Nachlässe und Ausgaben damaliger Tageszeitungen gesichtet werden.

Wer waren nun die Künstler, deren Bilder gesammelt und ausgestellt wurden, und wie haben sie sich in der NS-Zeit verhalten? Die Ausstellung enthält sich einer moralischen Bewertung, vermittelt aber, dass die Künstler dieser Zeit nicht einfach zwischen unbeteiligten und beteiligten (Linientreuen, Mitläufern und Profiteuren) getrennt werden können.

Zwar gab es nach 1933 zunächst keine inhaltliche Vorgaben zur Kunst, aber beim Streit darüber, was „deutsche Kunst“ sei, konnte sich Goebbels, der sie mit dem Expressionismus identifizierte, nicht gegen Alfred Rosenberg und Adolf Hitler als Vertreter der Traditionalisten und Ideologen durchsetzen, nach deren Willen Kunst „identitätsstiftend“ sein und den Machtanspruch des Regimes unterstützen müsse.
Die Geschichte des deutsch-dänischen Grenzgebietes, insbesondere der Verlust Nordschleswigs 1920 an Dänemark, beschäftigte nicht wenige norddeutsche Künstler und fand ihren Niederschlag bei der „Heimatkunst“ in der Abbildung von Landschaften, Genreszenen und Bewohnern. Nach der Machtergreifung wurde die „nordische“ Kunst von der nationalsozialistischen Kunstpropaganda zur eigentlichen „deutschen“ Kunst hochstilisiert, aus der dann die Kunst der NS-Zeit erwuchs.

Maria Migava interpretiert ein Bild von Ludwig Dettmann

Uns als zunächst nicht informierten Betrachtern erschienen die ausgestellten Werke von Protagonisten wie Jacob Alberts („Blühende Hallig“, um 1900), Ludwig Dettmann („Leute am Meer“, 1907),  Sophus Hansen („Schauspielerin Sieglinde Weichert“, 1936), Albert Johannsen („Priel auf Hallig Süderoog“,1939), Käte Lassen („Nordisches Volk“, 1937), Otto Thämer (Ausmalung der Neuland-Halle) und Magnus Weidemann („Biikefeuer auf Keitum“, 1938) eher harmlos und unpolitisch; sie ließen jedenfalls keine unmittelbare Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie erkennen. Um so beklemmender war dann der Hinweis Maria Migawas, dass Magnus Weidemann – ursprünglich Pastor! – 1939 in seinem Buch „Unsere nordische Landschaft“ die Thesen vertrat, deutsche Menschen seien „mehr oder weniger alle nordische Menschen“ und die norddeutsche Landschaft sei „Heimat unserer Rasse, ihr Urgrund“.
Vertreten sind in der Ausstellung auch Emil Nolde, ein früher Parteigänger der NSDAP, dessen Werke von einigen Nationalsozialisten geschätzt wurde und der damit gut verdiente, sowie Franz Radziwill und sein Freund Fritz Wischetzky, Marinemaler und -offizier, der Radziwill die Teilnahme an Marinefahrten ermöglichte – beide den Nazis  zugetan, wie aus ihrem Briefwechsel hervorgeht. Auch  Alexander Friedrich – von ihm wird ein Porträt Hermann Görings gezeigt – hofierte die Nationalsozialisten und wandelte sich zum Staatskünstler. Franz Frahm-Hessler ist in zwei Selbstporträts zu sehen: 1932 als weltoffener junger Mann, 1937  als kerniger Deutscher.
Mit dem Reichskulturkammergesetz von 1933 wurden alle kulturellen Tätigkeiten reglementiert und auch die Kunst somit „gleichgeschaltet“. Ab 1938 wurden Künstler avantgardistischer Malerei und Bildhauerei wie beispielsweise Ernst Barlach und – Ironie der Geschichte – Emil Nolde als „entartet“ herabgewürdigt, aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, ihre Werke aus Sammlungen entfernt und nicht mehr ausgestellt. So konnte eine mehr oder weniger ideologisch geprägte Kunst entstehen.

Ohne Rahmen quer an die Wand gestellt: Käte Lassens Hitler-Porträt

Käte Lassen, Flensburgs bekannteste Malerin, konnte sich lange dem Einfluss der NS-Kulturfunktionäre entziehen. Dennoch gibt es von ihr zwei spektakuläre Exponate in der Ausstellung: ein gigantisches Hitler-Bild von 1941 und ein monumentales Gemälde zweier Schäferhunde von 1944.
Das Bild von Hitler in aufrechter Pose und mit senfgelber Paradeuniform – gemalt in Anlehnung an ein offizielles Photo – ist eine Auftragsarbeit für die damalige Flensburger Creditbank. Es wurde 1945 von der britischen Besatzung aus der Schalterhalle der Bank in Flensburg entfernt und landete unzerstört im Magazin des Museums. Das Bild hängt nicht, sondern liegt, bewusst aus dem Rahmen entfernt, auf der Seite, flankiert am Boden von Arno Brekers Hitler-Büste, weil die Museumsleitung, „entsetzt über die immer noch suggestive Wirkung “, entgegen der Absicht Maria Migavas keine Hängung wollte. Jedoch meinte auch die Kuratorin, dass die Seitenlage zu einer unbefangeneren Bildbetrachtung führen würde. Es fällt auf, dass Hitlers Kopf etwas zu klein im Verhältnis zum Körper gemalt ist – vielleicht eine bewusste Absicht der Künstlerin?
Vom Gestapochef beauftragt, malte Käte Lasse zwei große, stilisierte Schäferhunde, ein Sinnbild höchster Wachsamkeit. Im Hintergrund sollte ein Hakenkreuz die Einheit von Volk und Staat symbolisieren, doch auf dem Bild ist keins zu erkennen, was zu dem Gerücht führte, die Künstlerin habe es nach dem Krieg übermalt. Eingehende Untersuchungen ergaben jedoch, dass dort nie ein Hakenkreuz dargestellt war.Erstaunlich:

Käte Lassens Schäferhunde hingen bis vor kurzem in der Flensburger Polizeidirektion

Das Bild hing noch bis zum Frühsommer 2016 in der Flensburger Polizeidirektion, und so hatte Jürgen Wind es während seiner Dienstzeit täglich vor Augen, wie er uns später offenbarte.

Dass ein linientreuer Künstler wie Gerhard Fritz Hensel, Schwager des Lagerkommandanten von Auschwitz, als Kriegsmaler in den besetzten Ostgebieten unterwegs, den Kampf von Soldaten stark heroisierte und neben dem Kopf einer von ihm 1944 porträtierten Rumänin rassistische Kommentare niederschrieb, obwohl ihm bekannt sein musste, dass „nicht-arisches Leben“ bedroht war, konnte uns eigentlich nicht mehr verwundern.
Ein widerliches und menschenverachtendes Zeugnis rassistischer Darstellungen und Kommentare vermittelt die Mappe „Totentanz in Polen“ mit Illustrationen und Texten des Malers Wilhelm Petersen, eines Parteigängers der Nazis, der 1942 als Kriegsberichterstatter und Zeichner Polen bereiste. Erschreckend ist, dass Fritz Fuglsang in eigener Initiative und ohne Drängen von außen Petersens Blätter anforderte und ausstellte. Diese und andere Aktionen sind für Maria Migawa der eindeutige Hinweis, dass Fuglsang sein Haus im Sinne des Nationalsozialismus präsentierte.

Übrigens: Hensel konnte nach 1945 nur langsam wieder als Künstler Fuß fassen und fand nur schwer eine Beschäftigung als Gymnasiallehrer in Flensburg. Petersen verlor seine Professur, konnte jedoch bis 1969 als Illustrator für die Programmzeitschrift Hörzu arbeiten und wurde 1975 für sein malerisches Werk sogar von der Friedrich-Hebbel-Stiftung ausgezeichnet.

Fazit: Es fällt schwer, die Künstler in unbeteiligte und beteiligte, also politisch belastete Künstler zu trennen. Nicht alle gezeigten Künstler waren überzeugte Nationalsozialisten, aber zwangsläufig gab es Profiteure, Mitläufer und Parteigänger, die sich in der NS-Diktatur und auch danach ihrer moralischen Verantwortung entzogen haben. A. Paul Weber, in der Ausstellung mit dem Bild „Muttersprache“ von 1937 vertreten, noch nach 1945 als Oppositioneller angesehen, wurde später als Mitläufer entlarvt. Manches weniger gravierende Verhalten können wir aber auch als menschliche Schwäche verstehen, schließlich wollten die Betroffenen von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben. Nur wenige haben wohl eine künstlerische Nische gefunden, in der sie sich während des Nationalsozialismus dauerhaft und erfolgreich betätigen konnten. Von der sogenannten „Entnazifierung“ waren daher auch bekannte regionale Künstler betroffen.

 

                                                                                                                                                                                                                                     Text: Horst-Peter Junge

                                                                                                                                                                                                             Fotos: Horst-Peter Junge, Claus Vahle

 

 

 

 

1 comment to Exkursion zum Museumsberg Flensburg

  • Alexander Noack

    Sehr geehrter Herr Junge!

    nicht der Gestapochef hat die Schäferhunde in Auftrag gegeben, sondern der damalige (1936 aus dem Amt entfernte) Polizeichef Conrad Fulda. Herr Fulda war auch kein Polizist sondern eine reine Verwaltungskraft.
    Lesen Sie dazu auch den Artikel im Wikipedia über Frau Tiedemann und das Haus Kliff Ende in Kampen

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