Begeistert von Alice Neel

Am Nikolaustag unternahm der Kunstverein seine schon zur lieben Tradition gewordene „Kunstexkursion mit Weihnachtsmarkt“. Diesmal ging es mit nur zehn Interessierten nach Hamburg – vielleicht weil Alice Neel, eine der bedeutensten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts, in Deutschland nicht den verdienten Bekanntheitsgrad besitzt. In den Deichtorhallen wurden wir nach einer wohltuenden Stärkung von einer jungen Kunsthistorikerin in  Empfang genommen, die uns einfühlsam und kenntnisreich durch die Ausstellung führte.

 

 

Rund 110 Werke aus sechs Jahrzehnten sind in der Ausstellung zu sehen, die uns einen intensiven Blick in das Leben der Künstlerin ermöglichen. Zu Beginn hängt ein Porträt von Carlos Enriquez, 1926 gemalt, das weicher, malerischer als spätere Bilder wirkt. Ein Jahr zuvor hatte Alice Neel diesen kubanischen Maler geheiratet. Sie bekam zwei Kinder, die sie beide verlor. Eine Tochter starb an Diphtherie, die zweite wurde nach der Trennung von ihrem Mann zu seiner wohlhabenden Familie nach Kuba gebracht und wuchs dort auf . Der Verlust traumatisierte sie. Über ein Jahr dauerte es, bis die Malerin ihre Nervenkrise überwunden hatte.

 

 

Ihre späteren beiden Söhne Richard und Harley zog sie weitgehend alleine auf. Das erklärt vielleicht, warum das Thema Mutterschaft und Kinder so zentral ist und sich wie ein roter Faden durch ihr Werk zieht. Dabei verfolgt Alice Neel den Anspruch einer wahrhaftigen Darstellung, auch in den Porträts ihrer Familienmitglieder. So bringt sie beispielsweise 1980 die pummelige Unbeholfenheit ihrer Enkelin Victoria ungefiltert auf die Leinwand, lässt 1984 beim ausdrucksstarken Bild ihrer Schwiegertochter Ginny deren Trauer um die verstorbene Mutter spüren, oder zeigt 1967 auf dem Bild Mother and Child wie schwer es ihrer Schwiegertochter Nancy fällt, die kleine Olivia auf dem Schoß zu halten. Alice Neel zeigt Mutterschaft wie sie wirklich ist, und so verwundert es nicht, dass ihre Mutter-Kind-Gemälde zu Ikonen des Feminismus wurden.

In den 60er und 70er Jahren malt Neel auch wieder verstärkt schwangere Frauen, die sie authentisch, menschlich und ohne Idealisierung darstellt.

 

 

 

 

Neels Aufmerksamkeit galt auch stets den Unterprivilegierten, den Kranken und Diskriminierten.  Das Bild The Spanish Family, gemalt 1943 zeigt das von Armut geprägte Leben spanischer Einwanderer in New York. Die Frau scheint um Geld zu bitten, das Geländer betont die Trennung sozialer Klassen. Berührend auch das Gemälde Carmen und Judy von 1972, das Neels ehemalige Putzfrau zeigt. Die gebürtige Haitianerin, liebevoll und resigniert zugleich, scheint den baldigen Tod ihrer Tochter vorauszuahnen, die zu erschöpft ist, an ihrer Brust zu trinken. 1935 malte Neel Ninth Avenue El , eine Stadtlandschaft mit einer Hochbahn, durch die sich gebeugte, ausgemergelte Gestalten schleppen. Die Künstlerin bezog während der Weltwirtschaftskrise Unterstützung durch das Public works of art projekt: alle sechs Wochen musste sie ein Gemälde abliefern und erhielt dafür wöchentlich 30 Dollar.

Der künstlerische Durchbruch gelang Alice Neel in den 70er Jahren. Andy Warhol wählte sie als Porträtistin und sie stellte den halbnackten Pop-Art-Star – gezeichnet von Narben durch das auf ihn verübte Attentat – verletzlich, in sich selbst versunken, mit geschlossenen Augen dar. Fast erscheint Warhol schon als ätherische Figur, der bläuliche Schatten hinter ihm ähnelt einem Engelsflügel. Der große Pop-Artist bezeichnete dieses Gemälde als das beste von ihm je geschaffene. Der Banker T. Collins erwarb das Bild und schenkte es dem WHITHNEY, wo es Neels Siegeszug durch die Kunstwelt einläutete. MAN drängte sich jetzt danach, von ihr gemalt zu werden und sie schuf unzählige kraftvolle Porträts von Künstlern, Galeristen, Politikern, Unternehmern, ja sogar von einem Erzbischof, aber immer so, wie sie sie sah. Sie beschönigte nichts, hielt ihre Modelle in ausdrucksstarken. psychologisch tiefgründigen Bildern fest. Die folgenden Gemälde zeigen Andy Warhol (1970), Meyer Schapiro (1983), John Gruen, Jane Wilson and Julia (1960). 

Alice Neels Werke entstanden überwiegend in der New Yorker Nachbarschaft, in Greenwich Village, Spanish Harlem und schließlich in der Upper West Side. Hier fand sie ihre Modelle und gab mit ihnen immer auch ein Stück von sich selbst preis. Sie malte aber auch ihre Umgebung, und drückte damit ihr Befinden aus. Herausgreifen will ich Fassaden, als unglaublich schöne Mischung verschiedener Farben, die alle merkwürdig verhangene Fenster haben, oder einen einsamen Stuhl, der das Gefühl der Leere, der Einsamkeit vermittelt. Auf ihm saß immer ihr Sohn Harley, der 1970 heiratete. Schließlich das ruhige, ästhetische Stillleben, das einen Ausschnitt ihres Häuschens am Spring Lake abbildet. Es weist eine ungewöhnliche Tiefenwirkung auf, zeigt aber auch die einfache Lebensweise der großen Malerin.

Windows (no 2), 1965

Loneliness, 1970

Still Life Spring Lake, 1996

Fotos: Annegret Vahle

 

 

Stark beeindruckt von diesem großartigen Kunsterlebnis blieben die meisten noch lange in den Deichtorhallen, so dass der Weihnachtsmarktbesuch in diesem Jahr nur eine untergeordnete Rolle spielte.

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