Karl Schmidt-Rottluff im Bucerius Kunst Forum

Am 5. April bot der Kunstverein eine Exkursion nach Hamburg an, um im Bucerius Kunst Forum die Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd“ zu erleben, die noch bis zum 21. Mai zu sehen ist. Unser Schriftführer Horst-Peter Junge hat darüber einen umfassenden Bericht angefertigt, der  Bedeutung und Zielsetzung  dieser Ausstellung klar zum Ausdruck bringt.

Der Kunstverein organisiert regelmäßig Exkursionen mit der Bahn nach Hamburg zum gemeinsamen Besuch von Museen. Immerhin 14 Vereinsmitglieder reisten am 5. April 2018 zum geführten Besuch der Ausstellung zu Karl Schmidt-Rottluff im Bucerius Kunstforum. Die Ausstellung thematisiert die Faszination Karl Schmidt-Rottluffs für außereuropäische, insbesondere afrikanische und ozeanische Kunst und Kultgegenstände –  er begann sie in den 1910er Jahren zu sammeln –  die sich wie ein roter Faden von der „Brücke“-Zeit bis zu seinem Spätwerk durch sein Schaffen in Öl, Aquarell, Pastell, Grafik und Skulptur zieht. Nachdem wir endlich die Ohrclips richtig fixiert hatten und auch die Audio Guides einwandfrei funktionierten, konnte unsere Kunstführerin beginnen, das Schaffen Karl Schmidt-Rottluffs an ausgewählten Exponaten zu erläutern.

 Wie bei allen „Brücke“-Malern beeinflussen anfangs die Neoimpressionisten und Fauves, aber auch Edvard Munch seinen Malstil mit breiten, einfach    strukturierten  Farbflächen, der seiner vom Architekturstudium geprägten Vorstellungswelt entgegenkam. Am Stillleben „Rote Gladiolen“ von 1912 zeigt  sich eine damals für alle  „Brücke“-Maler  typische flache, vereinfachende, in dominierenden Farben wie Rot, Grün und Blau stark kontrastierende  Malweise.                                                                                                                                                                                               

 

Eine Plastik und ein Palmwedelbecher als begleitende Motive haben ihre Vorbilder in der                                                                                                                         ethnografischen  Sammlung des Künstlers. In den während des 1. Weltkriegs entstandenen Holzschnitten im Stil afrikanischer  Masken  setzt Schmidt-Rottluff auf Formenvereinfachung  und starke Schwarz-Weiß-Kontraste.

In den frühen 1920er Jahren entstehen farbgewaltige Landschaften und Stillleben in Öl und Aquarell mit verdichteten Formen und Flächen; es sind spannungsgeladene Bilder mit Komplementärkontrasten und von der Annäherung an die Wirklichkeit befreiten Farben wie bei „Aufgehender Mond“ von 1920 (Abb links). Schmidt-Rottluff malt kein Nachbild der Natur – der Mond ist rot – Farben und Kontraste widerspiegeln seine Empfindungen vor der Natur. Ab Ende der 1920er Jahre zeigt sich das Räumliche und die Perspektive wie in „Antiquitäten“ von 1928 und „Römisches Stillleben“ von 1930 (Abb. Mitte). In den 1930er Jahren malte Schmidt-Rottluff seine monumentalen Landschaften wie „Brücke mit Eisbrechern“ von 1934 (eine düstere Vorahnung der Zukunft?), „Spiegelnder See“ (Abb. rechts) von 1936 (deutliche Nähe zu Edvard Munch) als letzte Bilder dieses Genres.

 

 

 

 

 

 

Während des Dritten Reiches wird Karl Schmidt-Rottluff  – wie auch seine expressionistischen Kollegen Heckel, Kirchner, Mueller und Nolde – als „entarteter Künstler“ diffamiert: 1936 Ausstellungsverbot, 1937 über 600 seiner Werke in deutschen Museen beschlagnahmt und 1938 über 50 seiner Bilder in der Ausstellung „Entartete Kunst“ dem Spott preisgegeben, darunter auch „Römisches Stillleben“ von 1930. Schmidt-Rottluff zog sich in die „innere Emigration“ zurück; es entstehen Stillleben mit magisch-entrückter Stimmung als Verschlüsselungen seiner Gemütslage und fast schon als politischer Kommentar in einer von Rassenwahn und nationalsozialistischer Ideologie verblendeten Zeit wie im Bild „Stillleben mit Hyazinthe“ von 1938, das neben der Blume afrikanische Masken neben eigenen Plastiken zeigt. Ölfarbe konnte er bald nicht mehr bekommen, und so entstanden Aquarelle als „ ungemalte Bilder“ – wie bei Emil Nolde. Deutlich wird diese nonverbale Kritik in den „Masken“ Abb. links) von 1938, dem Leitbild der Ausstellung auf dem Prospekt und den Eintrittskarten. Schmidt-Rottluff vermenschlicht die Anhängermaske mit einem erschrockenen, fast empörten Gesichtsausdruck, und der Maskenkopf blickt resigniert zur Seite. Für die Adaption außereuropäischer und eigener Plastiken in seiner Malerei ab dem Ausstellungsverbot 1936 ebenso wieder seit den 1950er Jahren stehen Exponate wie „Die schwarze Maske“ von 1956 und „Geweihfarn in der Mitte“ Abb. Mitte) von 1957.

 

 

 

 

 

 

 

Die letzten Ölbilder in den 1960er Jahren sind geheimnisvolle Darstellungen von sonnen- und insbesondere mondbeschienenen Landschaften in dramatischen leuchtenden Farben, ein verwandtes Sujet zu den Mondbetrachtungen der Romantik wie bei Caspar David Friedrich. Danach wandte Schmidt-Rottluff sich wieder der Aquarellmalerei zu, weil er seine Hand „für die Ölmalerei zu unruhig“ wurde.

Unsere Kunstführerin, Frau Stephanie Reimer, verstand es, die Hintergründe der Malerei Karl Schmidt-Rottluffs fesselnd aufzudecken, so dass unser Interesse bei der einstündigen Führung nie nachließ. Dafür dankte Jürgen Wind am Ende herzlich.

Fotos: Esther Goldschmidt, Horst-Peter Junge, Fred Zimmak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilderliste:

Lfd.Nr. (JPG-Nr.)        Bild-Inhalt

1         (100)               Fred und Jürgen mit Ohrclips

2         (101)               Kunstführerin mit Besuchern

3         (033)               „Rote Gladiolen“, 1912

4         (034)               „Holzschnitte“, 1918

5         (035)               „Frauenkopf“, Holzschnitt, 1916

6         (102)               „Aufgehender Mond“, 1920

7         (104)               „Antiquitäten“, 1928

8         (107)               „Brücke mit Eisbrechern“, 1934

9         (106)               „Spiegelnder See“, 1936

10        (105)               „Römisches Stillleben“, 1930

11        (050)               „Stillleben mit Hyazinthe“, 1938

12        (054)               „Masken“, 1938

13        (108)               „Geweihfarn in der Mitte“, 1957

14        (109)               „Mondbild“, 1960er Jahre

 

Fotos von E. Goldschmidt ( 7 ), H. P. Junge ( 5) und F. Zimmak ( 2 ) .

 

 

 

Besuch der Ausstellung

„Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd.“

im Bucerius Kunst Forum, Hamburg

27.01. – 21.05.2017

 

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