Eine Malreise nach Leba

Fast ein Jahr liegt die erlebnisreiche Malreise nach Leba zurück.  Doch seit kurzem können Interessierte im HELIOS Klinikum an dieser schöner Fahrt teilhaben, denn 10 mitreisende Künstlerinnen und Künstler haben ihre vor Ort oder später entstandenen Werke für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt, die am 8. Juni eröffnet wurde. Herzlich begrüßte der 1. Vorsitzende Rolf-Jürgen Wind die vielen Gäste, die trotz des heißen Sommerabends erschienen waren,

 

 

 

 

 

und die Inke Asmussen in Vertretung für Dr. Friedrich Näthke für das Klinikum herzlich willkommen hieß.

Ausführlich ging Annegret Vahle in ihrer Einführung auf die ausgestellten Werke ein und ließ dabei auch die Reise wieder lebendig werden. Hier nun die Laudatio:

Zur heutigen Ausstellung möchte auch ich Sie ganz herzlich begrüßen. Ich freue mich, dass ich heute die Einführung übernehmen durfte, weil ich eine ganz persönliche Beziehung zu diesem Ort und seiner Umgebung habe. Meine Großeltern besaßen in Lebafelde einen Bauernhof – vom Garten aus hatte man einen wunderbaren Blick über den Lebasee auf die Lonske-Düne, mit der ich durch die vielen Erzählungen von der verlorenen Heimat praktisch groß geworden bin. Als ich meinen Mann kennenlernte, der mir die Kunstgeschichte näherbrachte, tauchte auch der Name Max Pechstein auf, der Maler, der den Bauern und Fischern am Lebasee doch recht suspekt erschien, wenn er seine Staffelei in den Dünen oder am Wasser aufstellte. Ja, und dann hatte er ja noch die Tochter vom Hotel Möller geheiratet und seine erste Frau ihren Bruder … das ließ doch manchen bodenständigen Einheimischen missbilligend den Kopf schütteln.

Nicht nur Pechstein, auch Schmidt-Rottluff, Grosz und Fietz hatten in und um Leba ihre Motive gefunden, es bildete sich eine Art Künstlerkolonie und so waren die Mitglieder des KV neugierig, diesen besonderen Ort kennenzulernen – eine Malreise wurde in Angriff genommen. Das Besondere an dieser Fahrt war, dass Zeit eingeplant wurde zum Zeichnen und Malen und von den 47 Teilnehmern sah man immer wieder aktive Kunstschaffende – 14 an der Zahl – mit Stift und Block ein Motiv erfassen. Davon nehmen zehn an der heutigen Ausstellung teil. Sie zeigen zum Teil noch in Pommern entstandene Arbeiten, aber vor allem auch, wie sie diese umgesetzt haben, welche Anregungen ihnen die Reise gegeben hat  -und ich muss sagen, wir zeigen diesmal zwar nicht wie gewöhnlich über 50 Werke, dafür aber eine etwas kleinere Ausstellung von hoher Qualität und Vielseitgkeit.

Das beliebteste Motiv dieser Reise war sicher die Dünenlandschaft mit der imposanten Lonske-Düne. 20 mal wurde es gewählt – und das bei  41 Werken insgesamt. Das Dünengebiet ist etwa 1300 m lang und 500 m breit und liegt auf einer Nehrung, die den Lebasee von der Ostsee trennt. Die Düne selbst ist über 40 m hoch und wandert im Jahr etwa 9 – 12 m gen Osten –  und ist nicht aufzuhalten. Auf ihrem Weg hat sie schon vieles begraben: die ehemalige Segelflugschule, das ursprüngliche Leba, von dem nur noch ein Rest der Nikolaikirche übriggeblieben ist, das Dorf Lonske und unendlich viele Bäume, deren abgestorbene Stämme dann nach Jahren wieder sichtbar werden und mahnend aus dem Sand ragen. Drei Bilder legen davon Zeugnis ab. Karin Palisaar hat viele Baumstämme vor einem ockergelben Hintergrund gemalt. Es entsteht der Eindruck eines düsteren Waldes.

Jürgen Wind hat sich zunächst von der Realität anregen lassen, dann jedoch diese phantasievoll umgesetzt. Auf der vor Ort entstandenen Skizze „Auf dem Weg zur Düne“ benutzte der Künstler frische Farben, ließ den Himmel im Bild auslaufen, hielt in kurzer Zeit Bäume, den Weg, die Düne fest. Das gleichnamige Acrylbild erhielt einen eher dekorativen Charakter. Bewusst wird eine orangene Farbigkeit für den Hintergrund und auch für den Himmel gewählt. Die großen dunklen Baumstämme werden durch einen Halbkreis begrenzt, auf dem vor einem hellen Hintergrund zarte Baumreste dem Bild eine fast  magische Ausstrahlung geben.   

Ganz anders schildert Claus Vahle dieses Naturphänomen. Auf dem Aquarell „Toter Wald“   ragt ein Baumstumpf  wie ein Denkmal oder  aber wie ein Mahnmal aus dem hellen Dünensand.  Kleine Baumstümpfe zeigen an, dass hier viele Bäume begraben sind.  Querliegende Äste erzeugen Spannung und bilden zusammen mit  dem Dünenkamm einen Richtungskontrast.

 

Es war ein sonniger, aber auch recht windiger Tag, als wir zum Besuch der Lonske-Düne aufbrachen und nach der Fahrt mit den Elektroautos den Aufstieg begannen. Diesen Moment hat Horst-Peter Junge in seinem Bild „Lonske-Düne“ wunderbar festgehalten. In lockerer Malweise und verschiedenen Grüntönen rechts die mit Gras bewachsene Düne –  zwei kahle Bäume ragen heraus und weisen schon auf das Schicksal, dass sie in einigen Jahren ereilen wird. Zwei Kiefern setzen wichtige Akzente und im Vordergrund bilden großformatige Figuren einen wichtigen Kontrast zu der großen Gruppe, die im Hintergrund mühsam die Düne erklimmt.

 

Karin Hupe schildert in ihrem Bild mit dem schönen Wortspiel „Wanderdüne-Dünenwandern“ eine ähnliche Situation, allerdings liegt hier die Düne bereits hinter den Besuchern und wir blicken auf den Abstieg zur Ostsee, deren intensives Blau die Helligkeit des Sandes verstärkt. Die Schaumkronen lassen uns erahnen, weshalb die Menschen alle eine Kapuze tragen, den Kopf gesenkt halten. Karin Hupe hat die Bewegung der Personen gut erfasst und sie geschickt komponiert, lässt sie lebendig werden. Man hört förmlich, wie der junge Mann von seiner Freundin ausgescholten wird, weil er die Absperrung überschritten hat. Auch auf diesem Werk bilden die Kiefern einen wichtigen Farbkontrast, der noch durch die rote Jacke des Mädchens verstärkt wird.

Eingehen möchte ich jetzt auf einige „Dünenporträts“, die entweder der Wirklichkeit entsprechen oder aber Phantasiegebilde sind. Zu den letzteren gehört das große Acrylbild „Die wandernde Düne“ von Jürgen Wind. Faszinierend der starke Kontrast der Komplementärfarben Gelb – Blau als auch der Gegensatz der runden Formen der Düne, die einen weiblichen Akt assoziieren, und des linearen Hintergrundes von Meer und Himmel, die nurdurch eine etwas aufgehellte Horizontlinie getrennt sind.  Eine besondere Stimmung erzeugen einige Lichtreflexe im dunklen Himmel.

 

Sehr zart wirken dagegen die Dünenaquarelle von Karin Palisaar, alle in Leba unter schwierigsten Umständen entstanden, trieb doch der Wind feinsten Sand vor sich her und drohte ständig, die Blätter fort zu wehen. Die ansprechenden Skizzen erfassen die unterschiedlichen Dünenformen und geben sie in lockerer Malweise wieder.

 

 

Fast wie eine Pyramide erhebt sich die Lonske-Düne auf dem Aquarell von Claus Vahle, das der Künstler nach einem früheren Besuch 2011 gemalt hat. Damals war sie noch einige Meter höher, verlief aber viel schräger hin zum Meer. Das auf dem Bild zu sehende große offene Tal zwischen Wald und Düne ist heute zugeweht. Faszinierend ist die Wiedergabe des fast weißen Sandes, dessen Wirkung verstärkt wird durch den großen Schatten am Anfang der Düne.

 

 

Magdalena Starck-Burckhardt hat für ihre reizvolle Collage „Dünenerfahrung“ Fischlederhaut unter die Dünen geklebt, eine sehr ansprechende ästhetische Arbeit. Übrigens reizt sie dieses Material. Es ist auch auf den kleinen Acryl-Bildern zu finden, zu denen sie die Landschaft um Leba angeregt hat. Auf der Collage von Lene Jäger „Wind und überall Sand“ finden wir den unheimlich feinen Sand der Lonske-Düne, der sogar für Eieruhren genutzt werden kann und Karin Hupe hat auf ihrem Pastell einen weiten Rundblick auf die Dünenlandschaft eingefangen, die fast golden im Licht der untergehenden Sonne schimmert. Immer häufiger werden auch auf unseren Ausstellungen Fotos eingereicht und so traute ich mich, eine Fotocollage anzufertigen. Ich wählte für mich wichtige Situationen aus, wie ein Blick über unsere alten Wiesen und Lebasee hin zur Düne, kunstvoll geformte kleine Sandhaufen, den schwierigen Aufstieg oder eine Malgruppe. Verbunden ist alles durch willkürlich geschaffene Sandspuren.

 

 

 

 

 

Erwähnen muss ich natürlich noch die ganz besonderen Dünenbilder von Claus Vahle, auf denen die großen Meister des Expressionismus zu sehen sind, Der Künstler hat hier eine imaginäre Landschaft geschaffen, die Dünen in einer expressiven Malweise gestaltet. Trotzdem assoziiert man die Lebaer Dünen, beispielsweise durch den typischen Ostseeausschnitt oder durch abgestorbene Baumstümpfe. Harmonisch hat CV Pechstein oder Schmidt-Rottluff in die unberührte Natur eingefügt, die hier ihre Motive für unzählige fantastische Bilder fanden. Auf dem hier abgebildeten Aquarell sehen wir Max Pechstein mit seiner Frau Martha.

Kommen wir jetzt zu einigen Schiffsdarstellungen. Auch Horst-Peter Junge hat sich durch die expressive Farbwahl eines Max Pechstein anregen lassen. Auf seinem Bild „Fischerei am Hafenkanal“ wählte er für die Boote ein intensives Ultramarin, das durch die rote Jacke eines Fischers noch verstärkt wird. Gut gelungen ist der Gegensatz zwischen dem durch die fahrenden Boote bewegten Wasser und dem ruhigen am anderen Ufer, in dem sich die Bäume spiegeln. Ungewöhnlich auch die gewählte Perspektive, die einen farblich gut abgestimmten Draufblick auf die Kaimauer erlaubt.

 

Einen sehr ungewöhnlichen Blickwinkel wählte auch Heidi Scheibel für ihre spannungsreichen Bilder, die zwar beide einen Teil des Piratenschiffes – mit dem wir eine aufregende Sonnenuntergangstour unternahmen – darstellen, aber auf beiden eine ganz unterschiedliche Stimmung erzeugt. Ruhig liegt der Lebaer Hafen im Sonnenlicht vor uns, auffallend vielleicht das Rettungsboot, eine beschauliche Stadtansicht. Doch damit belässt es die Künstlerin nicht. Sie lässt uns durch ein ganz nah herangeholtes Schiffsfenster blicken, und schafft so eine faszinierende Darstellung des Hafens. Auch auf dem Gemälde  „Ostseeblick vom Piratenschiff“ greift Heidi Scheibel zum Stilmittel der Vergrößerung. Hervorgehoben sind das schräg in der Raum reichende verknotete Schiffstau sowie der große runde Polder. Als fast schwarze Silhouette erhebt sich links am Bildrand das Schiff. Raffiniert lässt Heidi Scheibel die Sonne Tau und Schiff in einem hellen Licht untergehen, das auch das Wasser in einem schmalen Streifen bis hin zum Polder beleuchtet. So schafft sie eine sehr stimmungsvolle Atmosphäre und vermeidet jeden Anflug von Kitsch.

Wir sind nicht nur in Leba gewesen, sondern besuchten auch Stettin, Danzig und Kluki.

In Stettin hielt Lene Jäger ein sie sehr faszinierendes Treppengeländer an der Hakenterrasse fest, das zunächst rätselhaft wirkt und das sich in seiner kostbaren goldgelben Farbigkeit von der Mauer und der Treppe stark abhebt, für die die Künstlerin verhaltene, zurückgenommene Farben wählte. Von Danzig konnten wir hier leider nur ein Bild ausstellen, ein ansprechendes Aquarell von Claus Vahle, das eine Werftszene wiedergibt.

 

 

Viel Zeit zum Malen gab es auch im Museumsdorf Kluki, das einen Einblick in die Lebensweise der Kaschuben gewährt. Jeanette Günther fing in ihren Buntstiftzeichnungen dort eine „heile Welt“ ein. Liebevoll zeichnete sie das Fachwerk eines Pferdestalls, ein Haus mit einem Storchennest oder eine alte Pumpe. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle das von ihr gezeichnete Kurhaus von Leba, von dem sie den Schlosscharakter stark herausgestellt hat.

Kluki vermittelte uns allen den Eindruck einer intakten Umwelt. In den Gärten gab es wild wachsende Wiesenblumen oder sorgfältig angelegte Beete, wovon Horst-Peter Junges Bild erzählt und die Häuser strahlten mit ihren Strohdächern Ruhe und Behaglichkeit aus, gut eingefangen auf den Aquarellen von Karin Palisaar, Magdalena Starck-Burckhardt und Jürgen Wind. Ein besonders ansprechendes Detail hielt Karin Palisaar auf einem sehr reizvollen Aquarell fest: ein blaues Fenster, auf dem nicht nur die hineingestellte Geranie zu sehen ist, sondern auch die sich in den Scheiben spiegelnde Landschaft.

 

 

 

 

 

Die Malreise nach Leba liegt nun schon ein Jahr zurück und ich hoffe, sie ist durch die Ausstellung und meine Einführung wieder in uns lebendig geworden und hat vielleicht auch in manchen von Ihnen Neugierde und Lust geweckt, diese grandiose Landschaft zu besuchen. Die Kunstschaffenden haben sich intensiv mit dem Erlebten, dem dort Wahrgenommenen auseinandergesetzt und uns interessante, schöne Bilder zur Verfügung gestellt – und uns auch mit einigen Werken wirklich überrascht. Dafür allen Beteiligten ein ganz großes Dankeschön. Nun wünsche ich der Ausstellung viel Erfolg und den Künstlerinnen und Künstlern die gebührende Anerkennung.

Nach der Eröffnung spendierte HELIOS Getränke und Laugengebäck.  Gestärkt machte man sich auf den Weg, um die Bilder zu betrachten, sich mit den Künstlern auszutauschen oder aber in Reiseerinnerungen zu schwelgen.

 

 

 

 

 

Gezeigt wird die Ausstellung bis zum 21. August und wir hoffen, dass sie den Patienten, dem Personal und allen Besuchern viel Freude bereitet!

Fotos von Wolfgang Klockow, Joachim Tschesch, Annegret Vahle, Claus Vahle

 

 

 

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