Exkursion NordArt 2012

Liebe Mitglieder, liebe Freunde des Kunstvereins,

es ist nicht das erste Mal, dass wir einen Bericht von Peter Junge über eine Exkursion erhalten. Er wird sich vermutlich trotzdem dagegen verwahren, dass wir ihn schon jetzt in den Stand eines ‚Reiseschriftstellers‘ erheben; aber das kann ja noch kommen. Jedenfalls hat er einen ausgesprochen informativen, überzeugenden, Appetit auf „Mehr“ machenden Beitrag über die Exkursion des Kunstvereins zur NordArt nach Büdelsdorf  (15.09.2012) vorgelegt; dafür sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt (Die Red.).

Exkursion NordArt 2012 

Die Ausstellung NordArt im Kunstwerk Carlshütte in Büdelsdorf bietet ein Forum für zeitgenössische Kunst, wie es umfangreicher nur in der Documenta in Kassel zu finden ist; der gemeinsame Besuch der Nordart hat daher inzwischen Tradition beim Kunstverein. Am 15. September 2012 waren 21 Teilnehmer unter der Patronage des 1. Vorsitzenden in Fahrgemeinschaften zur Ausstellung gekommen. 

Nach der gemeinsamen Kaffeetafel im Ausstellungscafé „Alte Meierei“ blieb noch viel Zeit für eine orientierende Erkundigung des Skulpturenparks auf eigene Faust.

Die folgende, mehr als einstündige Führung durch die Ausstellungshallen konzentrierte sich zum Glück auf relativ wenige ausgewählte Objekte, wodurch sich die Kunsthistorikerin Aufmerksamkeit und Interesse durchweg sichern kann, am Ende auf den Punkt gebracht von einer Teilnehmerin mit den Worten: „…ich könnte Ihnen stundenlang zuhören.“ In der ACO Wagenremise wurden faszinierende Beispiele illusionistischer Malerei und Skulptur vorgestellt: von Christa Biederbick eine riesige Skulptur als Adaption des Ritts aus Hieronymus Bosch „Die Versuchung des Heiligen Antonius“, von Gerhard Manz bis ins Unnatürliche detaillierte Meereswellen (Titel: „Persönliches Wagnis“), von Olivia Hill (USA) ein schemenhaftes Reiterbild (Titel: „gezügelter Geist“), von Algis Griskevicius (Litauen) menschenleere Landschaften als „Reflexionen der Erinnerung“, von Andrea Zang scheinbar harmlose surrealistische Szenarien mit tierischen Akteuren („Polymorphien“) als verschlüsselte Darstellungen menschlicher Konflikte, von Gan-Erdene Tsend (Mongolien) realistisch gemalte asiatische Motive in ungewöhnlicher Perspektive (Pferde in Rückansicht mit reitendem Jungen) und rätselhaften Details (z.B. Spiegelbild einer in der gewählten Perspektive nicht sichtbaren Figur), schließlich von Sarah Jacobs (USA) Ironisierung makabrer Bildinhalte (z.B. „Safe Keeping“ mit Krokodil umrahmt von Schädeln). 

Bei der weiteren Führung beeindruckte der Skulpturenpark mit spektakulären Werken wie z.B. den durchbrochenen Edelstahlsäulen des Chinesen Feng Chongli, der riesigen blanken Lotusblüte des Preisträgers von 2010, Zeng Chengang, und der hoch ragenden Skulptur „Segel“ aus Carrara Marmor des Bulgaren Georghi Filin. Bei zahlreichen Skulpturen sahen sich die Teilnehmer mit künstlerischen Gestaltungen jenseits der etablierten Formensprache der Bildhauerei konfrontiert, die sich manchmal einfach verstehen lassen wie z.B. die Granitskulptur „Stier“ von Dorsten Diekmann oder das „Mirakel“ – einer Hülle aus mit Gold überzogenen Stäben aus Baustahl– von Rainer Fürstenberg, dann wieder sich dem ästhetischen Verständnis entziehen wie die 13 Meter hohe Skulptur „Katia“ von Peter Lundberg (Schweden/USA), dem NordArt Preisträger von 2011; sie als in Erde gegossenes und dann – mit aufwändiger Hebetechnik – aufgerichtetes organisch anmutendes Sinnbild von Emotion zu begreifen, erfordert beim Publikum noch einen Lernprozess.  

Der letzte Abschnitt der Führung galt dem Ausstellungsbereich in den gewaltigen Hallen der ehemaligen Carlshütte (total 22.000 m²), zunächst dem China-Pavillon mit der Sonderausstellung „Forms of the Formless“ (3.000 m²) als einem der offiziellen Austragungsorte des Chinesischen Kulturjahres in Deutschland, wo die NordArt namhafte chinesische Maler und Bildhauer – unter anderem ihre Auseinandersetzung mit der Natur –  präsentiert und so die Gelegenheit bietet, die westliche mit der chinesischen, deutlich vom Taoismus beeinflussten Wahrnehmung in der darstellenden Kunst zu vergleichen. Beeindruckend die Installation „Liebesbriefe“ von Zhi Xin Xin mit hunderten zerknüllten chinesischen Texten, erstarrt in Form gebrannter Keramik, die wie eine Anmutung von Blättern teils das Ufer, teils eine Wasserfläche (300 x 250 cm) bedecken. Von bezwingender Wirkung auch die Skulptur „Bambus im Wind“ von Feng Chongli (durchbrochener polierter Edelstahl) und die „Flucht“ (eines Läufers vor dem Hund) von Wang Zhong, die Rotationsbilder „Yuan Rate“ (290 x 590 cm) von Meng Luding und die ungezählten „Fingerabdrücke“ (100 x 200 cm) von Zang Yu. Im Umfeld des China-Pavillons präsentierte sich auch Inga Aru (z.Zt. Einzelausstellung in der DRL-Stiftung) mit Malerei chinesischer Motive („Tischbilder“).

Bei den anderen während der Führung vorgestellten Künstlern beeindruckten besonders: die koreanische Künstlerin SINN mit Malerei auf geschliffenen Aluminium-Platten, überzogen mit Tusche, die dann mit dem Teppichmesser geritzt wurden und zu einem einzigartigen Zusammenwirken von Lasuren und Reflektionen führen; Gilles Lacombe (Frankreich) mit Skulpturen, die eindringlich den Konsum natürlicher Rohstoffe (?!) anprangern wie die Skulptur „Großes Elfenbein“ (120x100x550 cm) mit einer aus Klaviertasten hergestellten Oberfläche und die Installation „Über den Linden“ mit Baumstümpfen aus dem Holz bedrohter Baumarten und aus Zeitungspapier geschnittenen Blättern;

Debbie Lawson (Großbritannien)) mit aus Teppichgewebe geformten tierischen und floristischen Skulpturen, die durch das Teppichdekor camoufliert werden; Klaus Yo (Korea) mit einem Globus, die Oberfläche mit 25.000 Computertasten bedeckt.  

Mit Spannung wurde der Beginn der „Langen Nacht der Lichter“ erwartet. Das gesamte Ausstellungsgelände – Gießereihallen und Skulpturenpark – wird dann in farbiges Licht getaucht. Die meisten Exkursionsteilnehmer wollten dieses Ereignis miterleben und ließen sich zunächst vor der Bühne im Bereich der ehemaligen Eisenschmelze beim Start in das musikalische Abendprogramm vom „Jesse Grell Trio“ mit Folk, Latino und Swing in Stimmung bringen; professionelles Catering um die Ecke trug seinen Teil zur guten Laune bei. Mit Eintritt der Dunkelheit ging es dann hinaus ins Freie, und der romantische Zauber, aber auch der andere Eindruck im Vergleich zum Tageslicht, der dort von den künstlich beleuchteten oder abschattierten Skulpturen und Parkflächen ausging, versetzte die Besucher immer wieder in Staunen und Begeisterung. Geheimnisvoll wirkten die tief hängenden Zweige und die hoch ragenden Kronen der beleuchteten Bäume am Teich zusammen mit ihren Spiegelbildern auf der glatten Wasseroberfläche, als blickte man in einen tiefen nicht endenden Schlund. Peter Lundbergs Kolossalskulptur „Katia“ wurde mit Filtern in das Licht wechselnder Farben getaucht, was ihr eine bei Tageslicht nicht vorhandene Ästhetik und lebendige Anmutung gab – eine bezwingende Wirkung.

Alle Exkursionsteilnehmer waren sich einig, an einem besonderen Kunstereignis teilgehabt zu haben und traten dann die Rückfahrt nach Schleswig an.  

Zum Abendprogramm des 15. September gehörte noch die Vergabe des Publikumspreises 2012 und die Bekanntgabe des Preisträgers des NordArt-Preises 2012. Diese Programm-punkte wurden von den Exkursionsteilnehmer nicht mehr abgewartet.

Der Chronist trägt hier das Ergebnis nach (Quelle: Website NordArt 2012, Aktuell): NordArt-Preis (10.000 Euro) an Georghi Filin, Bulgarien/Italien, für die Skulptur „Segel“, NordArt-Publikumspreise (3 Plätze je 1.000 Euro), eingeladene Teilnehmer NordArt 2013:

1. Platz: Gilles T. Lacombe, Frankreich, für die Skulptur „Großes Elfenbein“

2. Platz: Zhi Xin Xin, China, für die Installation „Liebesbriefe“

3. Platz: Jinaun Kim, Künstlername: SINN, Korea, für die Malerei „Finding Forest“ 

Anmerkung (nicht bierernst gemeint):

Kein Chronist einer Kunstführung könnte sich die Namen so zahlreicher westlicher und schon gar nicht diejenigen asiatischer Künstler merken; wenn man keinen Ausstellungskatalog hat, findet man zum Glück Namen und Werke, auch ihre Abmessungen, in den Dateien der Website der NordArt 2012; für einen Plagiatsvorwurf reicht das aber nicht.  

Chronist:            Horst-Peter Junge

 

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