Wilhelm Lehmbruck – Retrospektive

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kunstvereins,

am 21. März d.J. hatte der Kunstverein seine Mitglieder zu einem Besuch der Lehmbruck-Retrospektive  im         >> Landesmuseum für Kunst~ und Kulturgeschichte Schloss Gottorf << eingeladen – mit einer Führung durch unser Ehrenmitglied Dr. Anke Carstens-Richter.  Unser wiederholt als Berichterstatter, Rezensent und Kommentator in Erscheinung getretenes Vereins~ und Vorstandsmitglied  Horst-Peter Junge hat sich die Mühe gemacht, über den Besuch der Ausstellung einen ausführlichen Bericht zu verfassen; dafür sei ihm herzlich gedankt (Die Red.).

Wilhelm Lehmbruck – Retrospektive  (20. Januar – 21. April 2013)

Eindrücke eines Ausstellungsbesuchers 

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) zählt neben Ernst Barlach und Käte Kollwitz zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Retrospektive auf Schloss Gottorf präsentiert den Künstler in einer umfassenden Werkschau aus dem Bestand des Lehmbruck Museums Duisburg. Neben 51 Skulpturen aus den Jahren 1898 bis 1918, darunter alle Hauptwerke, sind zahlreiche Exponate aus dem graphischen und malerischen Werk zu sehen. Sein früh auffälliges zeichnerisches Talent verhalf Wilhelm Lehmbruck zum Besuch der Kunstgewerbeschule (1885- 1899) und  zum Studium (Stipendiat) an der Kunstakademie Düsseldorf (1901-1906). Prägenden Einfluss auf seine Kunst hatte sein Aufenthalt in Paris (1906-1910), wo er die Avantgardisten der Moderne wie Picasso, Maillol, Modigliani und Rodin kennen lernte und sich zum wichtigsten deutschen Expressionisten neben Ernst Barlach entwickelte. 

Zur Führung durch Dr. Anke Carstens-Richter am 21. März 2013 konnte der Vorsitzende Rolf-Jürgen Wind zahlreiche Vereinsmitglieder begrüßen, die meisten auch Mitglieder des Freundeskreises Schloss Gottorf. Da war es eigentlich keine Überraschung, dass Dr. Thomas Gädeke als Hausherr die Gelegenheit nutzte, die Bedeutung des Freundeskreises als Förderer des Landesmuseums zu betonen und dem Kunstverein für das stete, besondere Interesse an Gottorf zu danken. R.-J. Wind freute sich schon – natürlich im Scherz – auf Dr. Gädeke als weiteren kompetenten Kommentator für den Gang durch die Ausstellung, aber der Angesprochene winkte schmunzelnd ab und meinte:“…. die Kompetenz von Dr. Carstens-Richter braucht keine Unterstützung.“ Bevor Dr. Gädeke verschwand, konnte Renate Meier ihm noch „die Kniende“ von Wilhelm Lehmbruck en miniature in Gestalt der Europa-Briefmarke von 1974 aus ihrem Privatbesitz präsentieren – ein Symbol für die Anerkennung des Bildhauers in Europa.  

Anke Carstens-Richter hielt sich bei ihrer Führung weitgehend an die chronologische Ordnung der Ausstellung und ging auf die Biographie Lehmbrucks nur insoweit ein, wie sie die Exponate zu interpretieren half. Die frühen, vor dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf entstandenen Skulpturen mit Darstellungen aus der Arbeitswelt (Steinwälzer, sitzender Bergmann) – ungewöhnliche Themen für die zeitgenössische Bildhauerei, aber verständliche Reflexionen des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Künstlers – zeigen schon eine neue, unpathetische Ausdrucksform.

Anke Carstens-Richter erläuterte, wie Lehmbruck weniger in der Lage war, eine gedankliche Vorstellung unmittelbar in einem Gipsmodell umzusetzen, sondern erst mit Skizzen und zeichnerischen Entwürfen in vielen Variationen zum Konzept einer Skulptur fand – eine typische Arbeitsweise, die in seiner zögerlichen Entscheidungsfähigkeit begründet sei. 

Ein erster Glanzpunkt ist dann die Skulptur einer Badenden, die in ihrer sensiblen Körperlichkeit, Gestik und Anmut bereits charakteristische Züge der Schöpfungen Lehmbrucks aufweist. Hier kann sich Anke Carstens-Richter eine Kritik an der Platzierung dieser Skulptur (wie auch weiterer Exponate) nicht verkneifen: „…das Podest steht zu nah an der Wand – man sollte um eine  Skulptur herum gehen können, um sie von allen Seiten betrachten zu können.“

Es geht weiter zu den Mutter-und-Kind-Skulpturen, die mit einer beeindruckenden Schlicht-heit und in natürlicher Pose Zuwendung und Innigkeit verkörpern. Hier dürfte ihm – wie bei einzelnen weiblichen Figuren und Torsi auch – Anita Kaufmann, die Frau Lehmbrucks (Heirat 1908), mit dem gemeinsamen Sohn Gustav Wilhelm (Geburt 1909)  Modell gestanden haben.

In den Hauptwerken – stehende weibliche Figur (1910), weiblicher Torso (1910), die Kniende (1911), große Sinnende (1913), empor steigender Jüngling (1913), der Gestürzte (1915/16) – erreicht der expressive Stil Lehmbrucks seine Höhepunkte mit charakteristischen Ausprägungen: Typisierung der Köpfe, also Verzicht auf individuelle Gesichtszüge; Vereinfachung der Anatomie mit Anklängen an die kubistische Formensprache; Abweichung von menschlichen Körperproportionen wie Überlängungen von Körper und Gliedern, auch bekannt als Stilelemente des Jugendstils (hierin sieht Anke Carstens-Richter Lehmbruck schon als Vorläufer von Alberto Giacometti); Haltung und Gebärden als Ausdruck inneren Empfindens.  Damit werden Lehmbrucks Figuren zu Symbolen eines neuen humanen Menschenbildes. Mit dem Gestürzten (1915/16), als Auftragswerk für einen Soldatenehrenfriedhof nicht akzeptiert, wollte Lehmbruck Krieg, Gewalt und Unterdrückung entgegen treten, traf aber auf das Unverständnis vieler Zeitgenossen.

Bei der Vorstellung der Skulpturen verwies Anke Carstens-Richter nicht nur auf handwerkliche Raffinessen Lehmbrucks und seine künstlerischen Vorbilder wie z.B. Auguste Rodin, sondern ging auch auf die wichtigen Kontakte z. B. ab 1909 zu Karl Ernst Osthaus in Hagen mit dem damals dort bestehenden Folkwang-Museum und ab 1916 zum Mannhheimer Fabrikanten Sally Falk sowie die sich daraus ergebenden Aufträge sowie Ausstellungen in Hagen und Mannheim ein.

Die fatale Beziehung Lehmbrucks zu der jungen österreichischen Schauspielerin Elisabeth Bergner ist mit einigen eindrucksvollen Porträts in der Retrospektive belegt, für die sie ihm bei seinem Aufenthalt in der Schweiz (ab 1916) Modell gesessen hatte. An diesen Bildern und weiterer Malerei demonstriert Anke Carstens-Richter Lehmbrucks Können als Vertreter des Expressionismus. 

Am Ende des knapp einstündigen Ausstellungsbesuchs dankt R.-J. Wind im Namen aller Teilnehmer Dr. Anke Carstens-Richter für ihre ebenso kompetente wie unterhaltsame Führung.

Man darf gespannt sein auf ihre Führung beim geplanten Besuch des Kunstvereins am 9. April 2013 in den Giacometti-Ausstellungen in Hamburg in der Kunsthalle und im Bucerius Kunstforum.

 

Horst-Peter Junge

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