Exkursion des Schleswiger Kunstvereins nach Berlin

In der Zeit vom 08. bis zum 11. Mai 2014 hat der Schleswiger Kunstverein eine Busreise mit der bekannten und vertrauten Schubyer Firma Bölck nach Berlin unternommen. Unsere frühere 1. Vorsitzende Dr. Anke Carstens-Richter hat sich die Mühe gemacht, einen ausführlichen, kenntnisreichen Bericht darüber zu schreiben, der den TeilnehmerInnen als Gedächtnisstütze willkommen sein mag und den Daheimgebliebenen einen umfassenden Eindruck des ganzen Unternehmens vermittelt; der Bericht wird durch zahlreiche Bilder Horst-Peter Junges ergänzt. Die Redaktion freut sich sehr über diese Beiträge und sagt beiden Autoren an dieser Stelle herzlichen Dank (HJH).

Reisebericht über die Exkursion des Kunstvereins nach Berlin vom 08. bis 11. Mai 2014

Bei strömendem Regen machte sich eine kunstinteressierte Gesellschaft am 8.Mai d.J. von Schuby aus auf eine viertägige  Busreise nach Berlin, um nicht nur die vieldiskutierte und vielgelobte Ai Weiwei-Ausstellung im Martin Gropius-Bau zu sehen, sondern auch, um die Stadt bei einer Rundfahrt einmal ganz anders kennen zu lernen und um einen Abstecher zum Neuen Palais in Potsdam zu machen. Die 36-köpfige Gesellschaft bestand überwiegend aus Mitgliedern des Kunstvereins Schleswig und Umgebung, denen sich einige Gäste aus Husum und Flensburg angeschlossen hatten. Je näher wir Berlin kamen, desto mehr lockerte die Bewölkung auf und desto wärmer wurde es, so dass die in Schleswig noch dringend benötigten Daunenjacken gleich im eleganten Steigenberger Hotel in unmittelbarer Nähe der Gedächtniskirche in Berlin-Mitte bleiben konnten.

Gleich der erste Besichtigungstermin am Donnerstagnachmittag in dem mit viel Glas errichteten Gebäude der Landesvertretung Schleswig-Holstein beim Bund – der Bau wird ebenfalls von der niedersächsischen Landesvertretung genutzt – erwies sich als außerordentlich interessant, weil uns der aus Eckernförde stammende und extra aus Kiel angereiste junge Künstler Benjamin Mastaglio sein wandfüllendes Kunstwerk CUMECIAM und dessen Entstehungsgeschichte zeigte und erklärte. Der Name sei reine Phantasie ohne inhaltliche Bedeutung, sagte er und erzählte, wie er nach dem Auftrag durch die Landesregierung für die Wandgestaltung, die sich in der riesigen Halle über alle drei Stockwerke hinzieht, die Pläne ausgearbeitet und schließlich umgesetzt habe. Das Kunstwerk besteht aus sich vielfältig überlappenden waargerechten und senkrechten Farbstreifen, die um die Türen der verschiedenen Stockwerke herum komponiert sind – eine sehr gelungene konstruktivistische Arbeit in überwiegend gedeckten Farben. IMG_0001

Leider kann das Gesamtbild dieses Wandbildes von keiner Position der Halle aus voll zur Geltung kommen, insbesondere nicht von einer Plattform im 1. Stockwerk, weil das Blätterwerk hoher Bäume das verhindert, die aus einem Schacht im untersten Geschoss in die Höhe gewachsen sind. Schade.

 

Am Freitag stand vormittags der Besuch der Ai Weiwei-Ausstellung im Martin Gropius-Bau auf dem Programm. Schon allein das Ende des 19.Jahrhunderts vom Vater des berühmten Bauhaus-Architekten Walter Gropius  im historistischen Stil errichtete Gebäude ist außerordentlich beeindruckend. 000-Programm-ablauf_1 001-Daumenkino Landesvertretung_1 008-CUMEKIAM v. Benjamin Mastaglio_1 025-Stelenfeld, Reichstag, Brandenburger Tor_1 061-Martin-Gro-pius-Bau_1 064-M-G-Bau Ai Weiwei Objekt_1 069-East Side Gallery_1 087-Spree u. Bode Museum_1

In der großen Säulenhalle empfingen uns Tausende auf dem Boden dicht an dicht aufgestellte ausrangierte Hocker, die auf eines der Hauptthemen des chinesischen Küntlers hinweisen, nämlich auf den Umgang der Chinesen mit ihrer Geschichte. Dieses Thema – Altes wird rigoros weggerissen und duch Neues ersetzt – zieht sich durch die gesamten weiteren Räume, in denen hauptsächlich Installationen gezeigt werden. Besonders berührend die künstlerische Aufarbeitung des Erdbebens, bei dem Tausende von Chinesen ihr Leben verloren, u.a. die Kinder einer Schule, die durch das einstürzende Gebäude erschlagen worden sind. Es war zu billig und nicht erdbebensicher gebaut worden war. Ai Weiwei verbindet Kunst immer mit politischer Aussage, also Anklage. Kein Wunder also, dass er für die chinesische Regierung eine persona non grata ist und zur Eröffnung seiner Ausstellung keine Ausreisegenehmigung erhielt.

Nachmittags fuhren wir mit dem Bus durch verschiedene Viertel von Berlin, wobei Annegret und Claus Vahle uns auf bemerkenswerte Bauten, u.a. aus der Zeit der klassischen Moderne im Bauhaus-Stil, aufmerksam machten, auf Skulpturen hinwiesen und von ihrer Zeit als Studenten und junge Lehrkräfte in Berlin berichteten. Die Fahrt führte auch zu den Graffitis auf den letzten Mauerstücken, die noch an die Teilung Berlins erinnern.

Der Tag endete mit einer Bootsfahrt auf der Spree, während der den drei Geburtstags“kindern“ – unser Vereinsvorsitzender Rolf Jürgen Wind, Karin Menck und Lena Starck-Burkhardt – noch einmal mit einem Ständchen herzlich gratuliert wurde. Wulf Schady sorgte mit seinem Schifferklavier nach dem Abendessen aber auch weiterhin für beste Stimmung. Die anderen Gäste haben sicherlich vermutet, dass sich ein Chor an Bord befindet, und nicht etwa Mitglieder eines Kunstvereins.

Am Sonnabend konnten alle Mitreisenden mit Hilfe einer Bereichskarte Museum, die für alle Häuser auf der Museumsinsel galt, Ausstellungen ihrer Wahl besuchen. Eine kleine Gruppe, zu der ich gehörte, wurde durch den Namen Rembrandt Bugatti auf einem Plakat in die Alte Nationalgalerie gelockt. Bugatti? Ist das nicht der berühmte italienische Auto-Konstrukteur ? Er war es nicht, denn der heißt Carlo, aber sein jung verstorbener Bruder, ein ganz hervorragender Bildhauer. Dessen recht kleinformatige Tierskulpturen mit aufgebrochener Oberfläche standen zwischen Kunstwerken von berühmten Malern des 19. Jahrhunderts. Besonders die für seine Zeit wegen der freien Pinselführung geradezu avantgardistischen Bilder von Adolph Menzel beeindrucken in ihrer Fülle. Von ihm stammt das erste Fabrik-Gemälde der Kunstgeschichte, das Arbeiter an einem Hochofen zeigt, sowie das erste Bild einer durch die Landschaft fahrenden Eisenbahn. Am berühmtesten ist aber sicherlich sein Zyklus zu Friedrich d.Gr. (1740-1786). Ihm galt dann die ganze Aufmerksamkeit beim Besuch von Potsdam am Sonntagvormittag. Vorbei an der russischen Siedlung mit ihren Holzhäusern  – entstanden für die Mitglieder eines Chores, der Friedr. II. vom russischen Zaren geschenkt worden war – ging die Fahrt nach Sanssouci. Dort wurde aber nicht das berühmte Schloss mit dem terrassierten Garten  besichtigt, das sicherlich fast alle Mitreisenden ohnehin schon kannten, sondern lediglich das Grab des preußischen Königs neben seinen geliebten Hunden auf dem Schlosshof. 098-Warten auf Einlass_1 104-Ausschnitt vom Relieffries_1 130-Goldmünze Bode-Museum_1 147--Humboldt-Universität_1 168-interessierte Besucher_1 172-am Grab von Friedrich II. d. Gr._1 178-das Flötenkonzert_1 193-Seitenflügel am Neuen Palais_1

Ziel des Ausfluges nach Potsdam war das von Friedrich II. nach dem Ende des 3. Schlesischen Krieges (1756-1763, auch Siebenjähriger Krieg genannt) erbaute Neue Palais im hochbarocken Stil mit Stuckverzierungen teilweise aus der Zeit des Rokoko. Obwohl die Finanzen des Staates nach drei Kriegen vollkommen zerrüttet waren, gab der König den Auftrag für das gewaltige Gebäude-Ensemble mit einem Dienstleistungszentrum im gegenüberliegenden sog. „Küchenhaus“, weil er nicht nur den anderen Herrschern Europas zeigen wollte, dass sein Land nicht am Boden liegt, sondern er wollte vor allem die Wirtschaft seines Staates wieder ankurbeln. Heute würde man das als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bezeichnen. Da der französische Hof, also Versailles, für alle Potentaten Europas vorbildlich war – auch am Hof Friedrichs II. wurde französisch gesprochen und er lud Geistesgrößen wie Voltaire nach Sanssouci ein – schickte er Handwerker nach Paris, um Möbel und Textilien wie Gardinen zu kaufen und sich über Dekorationen zu informieren. So entstand die gesamte Inneneinrichtung mit wunderschönen Intarsienarbeiten in Tischen und Holzfußböden des Neuen Palais nach diesen Vorbildern in Preußen und wurde nicht, wie davor üblich, aus Frankreich importiert. Finanziert wurde der gesamte Bau mit von Bankiers geliehenem Geld. Aber dadurch kamen wieder Steuern in die Staatskasse, die dringend benötigt wurden. Bei der anschließenden Rundfahrt durch Potsdam konnten wir noch einen Blick in das Holländerviertel werfen. Dann machte sich die Reisegesellschaft auf den Weg zurück nach Schleswig, wo wir am frühen Abend wiederum bei starkem Regen eintrafen. In Berlin hatten wir die Schirme nur einmal aufspannen müssen, und zwar auf dem Rückweg vom Neuen Palais zum Busparkplatz. So fiel uns der Abschied nicht allzu schwer, hatten wir doch ebenso schöne wie erlebnis- und erkenntnisreiche Tage in Berlin und Umgebung verbracht, die hervorragend von unserem Vereinsvorstand und dem Reisedienst Bölck vorbereitet worden waren. Danke.-

29. Mai 2014      Text: Dr. Anke Carstens-Richter      –     Fotos: Horst-Peter Junge

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