Exkursion nach Brammer und Neumünster

24. Mai – Sonnabend

Exkursion über Brammer nach Neumünster: Auf dem Programm steht zunächst ein Atelier-Besuch bei Manfred Sihle-Wissel und anschließend geht es in den Park der >Gerisch-Stiftung<. Dort wird erstmalig in Deutschland eine große Werkschau des nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare MBE (documenta-Teilnehmer) mit dem Titel “Cannonball Paradise” gezeigt. Start: 09.30 Uhr am Schleihallenparkplatz in Fahrgemeinschaften.

Nach kurzer Einweisung durch den 1. Vorsitzenden, Rolf-Jürgen Wind, macht sich die Karawane mit rund einem halben Dutzend PKw auf den Weg. Erste Station ist, wie verabredet, das Zuhause des renommierten Bildhauers Manfred Sihle-Wissel in 24793 Brammer, Dorfstraße 19. Der Künstler, gutgelaunt, freundlich und offen, empfängt die Gruppe bereits auf der Straße, gibt schon dort einen kleinen Einblick in die Vorgeschichte seines Ankommens im Ort (1981) und vermittelt auch ein anschauliches Bild seines gelegentlich etwas mühsamen Hineinwachsens in die Dorfgemeinschaft. In Erinnerung geblieben ist seine Anekdote, dass ihm die volle Anerkennung der Menschen erst zuteil geworden sei, als er ihnen mit dem Bau einer massiven Schuppentür einen überzeugenden Nachweis  seiner handwerklichen Fertigkeiten geliefert hatte..-

Dann führt der Künstler die Gruppe in die ehemalige Schmiede des Gehöfts, die ihm seit langem als Depot, als  Archiv und als provisorischer Ausstellungsraum dient. Der erste Eindruck beim Betreten ist umwerfend: auf groben Borden, auf Brettern und Einzelpodesten verschiedenster Formen und Materialien stehen „Köpfe“; soll heißen, eine kaum abzuschätzende Anzahl von lebensgroßen Köpfen mehr oder weniger bekannter resp. prominenter Zeitgenossinnen und Zeitgenossen – überwiegend aus Gips, aber auch aus verschiedenen Hölzern; ja auch Bronzeabgüsse sind dabei. Mit sichtbarem Vergnügen verfolgt ihr Schöpfer die Versuche der faszinierten Gäste, die jeweiligen „Originale“ zu erkennen bzw. zu benennen – bei allzu deutlichen Fehlinterpretationen hilft er ein wenig auf die Sprünge. Wir erfahren eine Menge über die einzelnen Projekte, über die Auswahl der Materialien und die Hintergründe einzelner Kolorierungen, nicht zu vergessen die Probleme, z.T. handwerklicher Art, zum Teil materialbedingt – aber auch über die Vorstellungen etwaiger Auftraggeber, nicht nur bezüglich der ‚Wiedererkennbarkeit‘, sondern gelegentlich wohl auch im Sinne gewünschter Idealisierungen.. – und last but not least über die nicht immer erhebenden Schicksale der fertigen Arbeiten.

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Anschließend gibt es eine Führung durch das Haupthaus: Die den Besuchern zugänglichen Räume sind – im wahrsten Sinne des Wortes ‚erfüllt‘ von Kunst; nicht nur Plastiken und Skulpturen aus eigener Werkstatt, sondern auch die von Kollegen, von vielen Reisen mitgebrachte Fundstücke und nicht zuletzt eine Anzahl von Bildern ganz unterschiedlicher Künstler, Stile und Epochen machen das wohltuende, inspirierende Ambiente dieses Heimes aus. Ein Blick in das Atelier – mit einem verhüllten Werkstück (ein Kopf ?) – lässt der Phantasie Raum für  Vorstellungen davon, wie der Künstler wohl arbeiten mag. – Mit dem Dank des 1. Vorsitzenden und der Übergabe des obligatorischen Mitbringsels endet ein Besuch, der nach Aussage der Gäste, vor allem der Erstbesucher, noch lange nachwirken wird und Lust macht auf Wiederkommen bei den Einen – und ‚Sich-selbst-versuchen‘ an einem (Gips-) Modell bei einigen Anderen..-

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Die Kolonne nimmt jetzt Kurs auf das zweite Reiseziel, den >Gerisch-Park< in Neumünster mit der Ausstellung des nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare (*1962 in London). Shonibare gehört zu den Young British Artists; seine künstlerischen Ausdrucksmittel sind: Skulptur, Fotografie, Installation, Malerei und Film.

Eine Studentin der Kunstgeschichte nimmt die Gruppe in Empfang und führt durch die Werkschau. Nach kurzer Zeit fällt auf, dass sie bei aller Kenntnis und ihrer spürbar guten Vorbereitung gelegentlich Probleme zu haben scheint, den Künstler bzw. seine hier ausgestellten Arbeiten für das Publikum so darzustellen, dass sich Gänsehaut, Faszination, konkret: neugieriges Angezogenfühlen mit dem Wunsch, genauer hinzusehen und milde Abscheu wenigstens einigermaßen die Waage halten. Das ist allerdings kein Wunder; steht über dem Werk Yinka Shonibares doch als alles dominierendes Leitmotiv dies: „Protestieren, aber wie ein Gentleman“; dem Autor dieser Zeilen schien während und besonders nach der Führung folgende Variante schlüssiger: „Provozieren ohne zu verletzen“.

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Die hier gezeigte Werkschau umfasst ca. 30 Arbeiten: Collagen, Bilder, Monumental-Photos, lebensgroße Figuren, diese z.T. ohne Köpfe, z.T. mit einer Erdkugel als ‚Kopfersatz‘, zumeist in Phantasiekleidung, mit unverkennbar zeitgeschichtlichen Bezügen etc. Die sehr farbigen, ornamentalen Muster zieren so genannte Waxprint-Stoffe. Sowohl diese Farbigkeit als auch die bizarren Figuren lösen im Betrachter Vorstellungen von afrikanischer Exotik aus. Es ist allerdings erst die einmalige Mischung dieser phantasievollen Form der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und dem humorvollen Umgang mit Materialien, Farben und Formen, wie etwa die bunten Stoffbälle in und neben dem Kanonenrohr (dies ist eigentlich der einzige konkrete Bezug zum Ausstellungstitel: „Cannonball Paradise“), die das Erschrecken über die ‚Kopflosen‘ einerseits und die historischen Hintergründe der Installationen andererseits erträglich macht.

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Prompt stellen sich einige Besucherinnen die Frage, ob gerade diese Art des Umgangs mit der Geschichte (‚..postkoloniale Reflexion‘) nicht schon wieder eine Verniedlichung der bekannt entsetzlichen Ereignisse und Vorgänge bedeutet – insbesondere für Jugendliche, deren Wissen um die Vergangenheit günstigenfalls fragmentarischen Charakters sei. Sozusagen ’naturgemäß‘ gingen die Meinungen hierzu sehr deutlich auseinander – einig waren sich aber alle in dem Eindruck, bei dieser Begegnung mit den zum Teil monumentalen Arbeiten Yinka Shonibares etwas Einmaliges, ja Unvergleichliches gesehen und erlebt zu haben.-

 

Ausstellungsdauer: 27. April bis 19. Oktober 2014.

Anschrift: Brachenfelder Straße 69 in 24536 Neumünster

Kontakt: Tel.: 04321-55512-0; E-Mail: <kontakt@gerisch-stiftung.de>

Text: Dr. Hans-Joachim Hupe   –   Fotos: Karin Hupe

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