1. Hausausstellung der Druckwerkstatt

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, nach jahrelanger, halbherziger Planung hat der Schleswiger Kunstverein es endlich geschafft, unter der Leitung seines vielseitigen, erfahrenen ‚Mentors‘ Claus Vahle – und mit Hilfe der von diesem zur Verfügung gestellten >Radierpresse< – eine kleine Druckwerkstatt auf die Beine zu stellen. Details zu den mutigen, experimentierfreudigen Kandidatinnen (ja, meine Herren, es haben sich ausschließlich Damen ‚getraut‘..), zu den Hintergründen, dem Procedere und den Ergebnissen sind im folgenden Text von Annegret Vahle nachzulesen. Bei diesem Text handelt es sich um die Einführung, die Annegret Vahle anlässlich der Vernissage der Druckwerkstatt am schönen Sonntagnachmittag des 22. Juni d.J. einer zahlreich erschienenen, zunehmend begeisterten Besucherschar vorgetragen hat. – Um auch denjenigen, die zu jener Zeit nicht dabei sein konnten, die Möglichkeit zu geben, die Ausstellung zu besuchen, wird an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass das Kreativ-Hus von Nichtmitgliedern nur zu den Zeiten besucht werden kann, in denen im Hause ‚Betrieb‘ herrscht, d.h. gegenwärtig jeweils dienstags von 11.00 Uhr bis ca. 15.00 Uhr – und mittwochs von 15.00 Uhr bis 17.30 Uhr; ansonsten kann aber telefonisch über die Vorstandsmitglieder auch ein anderer Termin vereinbart werden. Die Ausstellung ist bereits verlängert worden und wird am Sonntag, dem 07. September, um 11.00 Uhr in Form einer Finissage mit kleinem Frühschoppen aufgelöst werden – vgl. dazu den Infobrief 3/2014.  (Die Bilder der kleinen Fotoauswahl können durch Anklicken vergrößert werden) – (HJH).

Erste offizielle ‚Hausausstellung‘ der Druckwerkstatt des Kunstvereins – entstanden unter der Leitung Claus Vahles: „6 + 1“

Radierungen von Karin Hupe, Karen Marga, Eva Nagel, Karin Palisaar, Bärbel Soparth, Elke Thielemann und Claus Vahle

„Herzlich willkommen zur ersten offiziellen Kunstausstellung im Kreativ-Hus! Seit über drei Jahren steht hier die Radierpresse  von Claus Vahle und nach etlichen Anläufen begann er endlich im letzten November einen Kurs in dieser Technik zu leiten. IMG_3053 IMG_3054 IMG_3062 IMG_3079 Was ist eigentlich eine Radierung? Sie ist der Oberbegriff für  druckgrafische Verfahren, wie Kaltnadel, Aquatinta oder Ätzradierung – um die wichtigsten zu nennen. Gemeinsam ist allen Techniken, dass es sich dabei um ein Tiefdruckverfahren handelt, das heißt, dass die zu druckenden Partien vertieft liegen und mit Farbe aufgefüllt werden. Man braucht zur Herstellung einer Radierung u. a. Zink- oder Kunststoffplatten, Radiernadeln, Kupferdruckfarbe, Büttenpapier, Wischgaze, Waschbenzin, Eisenchlorid und Ätzschüsseln. All das wurde besorgt und der  Kurs konnte beginnen. Sechs Frauen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen stürzten sich mit großem Elan auf diese künstlerische Arbeitsweise. Zunächst wurde auf den Kunststoffplatten geritzt, da dafür eine Vorzeichnung untergelegt werden konnte, was zunächst das Radieren erleichterte. Die Motive waren freigestellt, was allen entgegenkam, denn jede der Teilnehmerinnen ist ja schon lange Zeit künstlerisch tätig und hat ihre  spezielle Motivwelt und Ausdrucksform gefunden. Wichtig war nun jedoch, zu erfahren, welche Stilmittel muss ich bei einer Radierung anwenden, wann punktiere ich, wann wirken Schraffuren besser, wie erziele ich unterschiedliche Tonwerte?  Vor allem zu Hause wurden die Druckstöcke bearbeitet und so war Claus jedes Mal gleich gefordert, die kleinen Kunstwerke zu drucken. Das geschah auf die am Vormittag von ihm gewässerten Büttenpapiere, die zwischen Pappen feucht gehalten wurden. Am spannendsten war wohl in jeder Sitzung der Moment des  Papierhochnehmens von der Platte. Sehr langsam musste das geschehen, damit auch wirklich alle Farbe haften blieb. Überrascht, erfreut, bisweilen etwas unzufrieden wurde dann das Ergebnis aufgenommen, denn im Gegensatz zu einer Zeichnung sieht man von seiner  künstlerischen Arbeit zunächst ja nur sozusagen das Negativ. Dieser Probedruck kann dann noch bearbeitet werden, also z. B. zu zarte Linien werden nachgeritzt oder Flächen durch Schraffuren betont.

Als weitere Technik lernte man das Ätzen kennen. Dazu braucht man eine total mit einer Asphaltschicht beschichtete Platte, in die das Motiv geritzt wird. Der Vorteil liegt darin, dass sehr viel weniger Kraft aufgewendet werden muss. Allerdings dauert es seine Zeit, bis die Platte ihr nachfolgendes Säurebad überstanden hat und auch da ist die Spannung groß: wie viel Säure ist in meine Spuren eingedrungen, soll ich die Platte lieber noch länger in der Schüssel lassen? Das zeigte sich, nachdem die Asphaltschicht unter fließendem Wasser abgewaschen und dann eingefärbt und gedruckt worden war. Das Ergebnis konnte bei Unzufriedenheit weiterhin verändert werden, allerdings nur mit der Radiernadel. Die Mischung von Ätz- und Kaltnadelradierung ist durchaus üblich, der große Rembrandt hat diese Möglichkeit häufig genutzt. Hier haben ich die unterschiedlichen Techniken auf der Liste nicht kenntlich gemacht, bitte nachfragen. Für das Drucken selbst wurden unterschiedliche Farben gewählt, nicht nur das übliche Schwarz, sondern auch Blau und Brauntöne, die manche Motive besonders reizvoll erscheinen ließen. Ein weiterer Höhepunkt war dann sicher das Aquarellieren der Drucke. Durch die zarten Farben verstärkten die Künstlerinnen die Ausdruckskraft etlicher Arbeiten. Aber es hieß auch, sich zu entscheiden, welcher Abzug soll genommen werden,  welche Radierung ist schöner, stimmungsvoller ohne Kolorierung? Für den Betrachter besonders reizvoll scheint mir der Vergleich einiger Arbeiten im unterschiedlichen Zustand. Nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen kommen wir nun zu den einzelnen Künstlerinnen (in alphabetischer Reihenfolge). Erklärungen erfolgen überwiegend an Hand der in diesem Raum aufgehängten Bilder.

Karin Hupes Thema ist der Mensch, die menschliche Figur in vielen Variationen. Zuletzt im >TiLo< zeigte sie auf vielen Ölbildern und Zeichnungen, dass sie ihr Metier beherrscht. Auch auf den Radierungen werden ihre schnelle Auffassung menschlicher Bewegung und ihre gekonnte Umsetzung ersichtlich. Die mehrfache, immer wieder unterbrochene Konturierung der Umrisse betont die Lebendigkeit der Figuren. Die Kolorierung hebt die Körperhaftigkeit sowie die Gegenständlichkeit hervor. Reizvoll der Farbkontrast auf der Radierung mit einer Gruppe von Menschen. Das Hellblau sticht hervor, lockt den Betrachter sich mit den dargestellten Figuren auseinanderzusetzten, die eine harmonische Einheit zu bilden scheinen.

Karen Marga hat ihre Motive weitgehend in der Pflanzen- und Tierwelt gefunden. Die Liebe zur Natur spiegelt sich in ihren sorgfältig gekratzten Radierungen wie der Mauer mit den Efeuranken oder den wilden Rosen wider. Karen Marga hat ihre Arbeiten sensibel koloriert, wodurch sie einen besonderen Reiz gewinnen.  Die Blätter des Efeus werden durch die gewählte Farbigkeit hervorgehoben und  verleihen dem Bild durch den Gegensatz zur zart kolorierten Mauer eine verhaltene Stimmung. Wie wichtig für die Arbeiten die angewandte Kolorierung ist, wird bei der Papageienzeichnung ersichtlich. Das bunte Tier wirkt sehr viel ansprechender und lebendiger als der schwarze Abzug.

Eva Nagel hat sich nicht nur als Fotografin mit der Wiedergabe Schleswiger Motive hervorgetan, sondern wählte diese auch für ihre Radierungen aus.  Auffallend an ihren Bildern ist die starke Stilisierung. Die Wolkenformen auf dem Dombild wirken fast jugendstilhaft. Spannung erhält diese Arbeit durch den Gegensatz von kurvigen Umrissen und Linien sowie den geraden Konturen der Bauten. Schraffuren werden bewusst vermieden, was den Reiz der Arbeiten jedoch erhöht. Auch auf der Radierung „Fischernetze“ erkennen wir  nur Konturlinien. Eva Nagel erreicht dadurch und durch das Vermeiden von Tiefenwirkung eine größere Stilisierung der Bildformen auf ihren ansprechenden Arbeiten.

Karin Palisaar setzt sich in ihrem bildnerischen Schaffen mit vielen Themen auseinander. Das bestätigt sich auch in den hier gezeigten Radierungen. Die „12 Ansichten“ zeigen schachbrettartig angeordnet zwölfmal Schleswig und die Schlei. Fast skizzenhaft mit lockerer Strichführung hält sie eine Möwe, den Dom oder ein Holmer Fischerboot fest. Seinen besonderen Reiz erhält die Arbeit durch die unterschiedliche Darstellungsart: mal zeigt sie ein vollständiges Motiv, dann wieder  eine starke Vergrößerung, die uns z. B.  überlegen lässt, welche Turmspitze hier zu sehen ist. Rätselhaft auch die daneben hängende reizvolle Radierung „Gestalten“. Der Ausgangspunkt sind hier Buhnen. Durch die delikate Kolorierung in unterschiedlichen Gelbtönen haben sie amorphe Formen angenommen, die an Seegeister, an Fantasiegebilde oder an orientalische Frauen denken lassen.

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Bärbel Soparths ansprechende Radierung „Natur erleben“ sehen wir hier in zwei Farbvarianten. Sie zeigt die verschiedenen Stadien eines Baumes: in der linken Ecke der abgesägte tote Baumstumpf, in der Mitte ein größerer gekappter Stamm, in dem noch Leben ist, aus dem Äste herauswachsen. Rechts schließlich der sehr dynamisch wirkende dritte Baum mit seinem Gewirr von Ästen und Zweigen, die das Bild füllen, es lebendig machen. Spannung erzeugt Bärbel Soparth durch den Gegensatz von kompakten Baumstümpfen und den in alle Richtungen strebenden Ästen. Auch bei diesen Arbeiten wird deutlich, wie wichtig die gewählte Farbe für den Druck und die Kolorierung ist. Der Sepiaton wirkt sehr viel lebendiger, was noch verstärkt wird durch die zarte Bearbeitung mit Aquarellfarben.

Elke Thielemann hat für ihre Arbeiten Landschaftsdarstellungen gewählt. Auf den hier gezeigten Radierungen dominieren zwei Windflüchter das Bild, also Bäume an der Westküste, die vor dem ständigen Westwind nach Osten flüchten. Die mit zartem Strich festgehaltenen Dünen mit ihren runden Formen im Hintergrund bilden einen interessanten Gegensatz zu dem Gras im Vordergrund, für das Elke Thielemann eine eigene Zeichensprache gefunden hat. Zaun und Weg weisen auf den Eingriff des Menschen in der Naturlandschaft. Auch diese eindrucksvolle Radierung ist mit unterschiedlicher Druckerfarbe abgezogen worden und wieder können wir feststellen, wie die Farbe die Stimmung beeinflusst. Düsterer, an einen kalten Wintertag erinnernd, der schwarze Abzug, freundlicher, Sonnenschein erahnen lassend die Sepia-Fassung. Hier, wie auch bei allen anderen Radierungen, stellt die unterschiedliche Farbwirkung keine Wertung dar. Welche Arbeit die für den Betrachter oder die Künstlerin bessere, ansprechendere Fassung ist, sei jedem selbst überlassen.

Kommen wir jetzt zu den Radierungen von Claus Vahle. Eigentlich wollte er während des Kurses selbst kratzen und ätzen, doch die Schaffenslust der Teilnehmerinnen und damit das fast ständige Betätigen der Druckpresse ließ das nicht zu. Zu Hause konnte er nicht arbeiten, da zwei Ausstellungen vorzubereiten waren.IMG_201 IMG_202 IMG_203 IMG_204 Deshalb griff er auf ältere Arbeiten zurück.

Die Radierung       „Spargel und Felsen“  von 1975 gehört  in eine Reihe von Spargelbildern, die sich u. a. mit der Problematik auseinandersetzen, dass der Mensch auch in den unzugänglichsten und unfruchtbarsten Gebieten pflanzt und erntet – doch zu welchem Preis? Dann sind einige Irland-Radierungen ausgestellt. Die von Inishmore zeigt einen Ausschnitt der kargen Insel auf der Zeugnisse der Vergangenheit –Kirchenruine, Rundturmrest und aufgestellter Stein – auf die Besiedlung dieses winzigen Eilands bereits in frühchristlicher Zeit hinweisen. Die Eintönigkeit der Landschaft wird betont durch die zarte  ockergelbe Kolorierung in nur einem Farbton. Während diese Landschaft realistisch dargestellt ist, sind die anderen Irlanddrucke weitgehend abstrahiert. Mittels unterschiedlich stark geätzter Schraffuren und einer eigenwilligen Farbigkeit entwickelt CV für die Hochkreuze besondere  Ausdrucksformen. Während des ersten Rundgangs sind Ihnen sicher einige Plastiken aufgefallen. Drei der Teilnehmerinnen und Brigitte Nicolaus schufen diese während der letzten Wochen in der Mittwoch-Gruppe. Ich fand sie so schön, dass ich meinte, sie würden die Ausstellung sehr bereichern, zumal die bildhauerische und die radiertechnische Arbeit eine wichtige Gemeinsamkeit haben: die Spannung, was wird aus dem Stein, was wird aus der Platte, die ich beide ausgiebig bearbeitet habe. IMG_301 IMG_302 IMG_303 IMG_304

 

 

 

 

 

Ich denke, die erste Hausausstellung im Kreativ-Hus ist wirklich sehenswert. Viele reizvolle Kunstwerke sind während des Radierkurses  und in der Mittwoch–Gruppe entstanden. Ich wünsche allen viel Freude beim Betrachten und den Kunstschaffenden die verdiente Anerkennung“.

Schleswig, 22. Juni 2014   –   Text: Annegret Vahle  –  Fotos: Karin Hupe  

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