Zur Ausstellung v. Heidi Scheibel: „Ausrangiert?“

Vernissage Heidi Scheibel am 25. Juli 2014 im Foyer des >HELIOS Klinikum Schleswig< – Einführung von Rolf-Jürgen Wind

„Bein-Art“„Kopp-Art“„EU-Tief überbrückt“ – wie auch „Netz-Werke“, verehrte Gäste und liebe Kunstfreunde, sind nur einige der vielen spannenden Titel, mit denen es der Kunstschaffenden, Heidi Scheibel, in ihrer zurückliegenden, nunmehr 24 Jahre währenden Zeitreise als Ausstellerin, immer wieder gelungen ist, uns, den Kunstinteressierten, zu fesseln und zum Besuch ihrer zahl- und abwechslungsreichen Präsentationen zu ermuntern. Mit der Auswahl des Titels „Ausrangiert?“ zu ihrer aktuellen Präsentation versteht sie es, wie in zahlreichen Fällen zuvor, uns, den Ausstellungsbesuchern, mit einem prägnant formulierten Wortspiel themenbezogene Informationenen zu ihren Werken zu übermitteln. Im gleichen Atemzug öffnet sie sich und offenbart uns ihr sozial-kritisches Bewusstsein.

Hierdurch, liebe Heidi, hast Du es erneut geschafft, mein Interesse zu wecken, um mich mit Spannung erneut Deinen Werken und den darin zu entdeckenden Inhalten, Empfindungen und kritischen Aussagen zuzuwenden. Es handelt sich dabei für mich um eine Kunst, die sich nicht, wie bei so vielen anderen Künstlern, im Laufe ihres Schaffens auf eine bestimmte Art, ein bestimmtes Material oder auch eine bestimmte Technik beschränkt. Auch nicht um eine Kunst, die sich in immer wiederkehrenden Motiven erschöpft oder gar eine Kunst, die von einem einheitlich und damit oft ermüdenden Kolorit geprägt ist. Nein, Heidi Scheibels Kunst, die sie selbst mit dem Begriff „Expressiver Realismus“ umschreibt, ist in der Lage, uns mit immer wieder neuen Materialien, Techniken und einer Vielzahl von spannenden Themen zu überraschen.

In diesem Zusammenhang, verehrte Kunstfeunde und liebe Gäste, füge ich meinen Ausführungen eine, wie ich meine, stimmige und vielsagende Aussage des uns allen bekannten Expressionisten Emil Nolde bei.

Ich zitiere: „Die Kunst eines Künstlers muss seine Kunst sein. Sie ist im Innerlichen die seine. Im Äußerlichen, eine fortlaufende Kette kleiner Erfindungen, kleiner technischer Eigenerfindungen, in seinem Verhältnis zum Werkzeug, dem Material und der Farbe. Was er, der Künstler erlernt, gilt nur wenig. Was er selbst erfindet, hat für ihn einen wirklichen Wert und gibt ihm die Steigerung der Lust zur Arbeit am Werk.“  Zitatende

Und dass, verehrte Gäste und liebe Kunstfreunde, Heidi Scheibel Lust und auch Freude an ihrem künstlerischen Wirken hat, zeigt sie uns heute erneut mit ihrer ca. 40 Werke umfassenden Bilderschau, deren unterschiedliche Werkgruppen sie in ihrer Gesamtheit dem mehr- bzw. doppeldeutigen Titel „Ausrangiert“ zuweist. Mehr- bzw. doppeldeutig, weil sie die Begrifflichkeit „Ausrangiert“ zum einen benutzt, um dem Betrachter die Vergänglichkeit der dargestellten Gebäude und Objekte mit deren natürlichen Alterungs- bzw. Zersetzungsprozessen zu verdeutlichen. Zum anderen aber auch, um uns die mit der Vergänglichkeit in unmittelbarem Zusammenhang stehenden gesellschaftspolitischen Versäumnisse zu offenbaren. Ergänzend teilt sie mir hierzu wörtlich mit:  „Ich will damit den Betrachter nicht nur ästhetisch ansprechen, sondern bei ihm auch zeitbezogene Gefühle wecken – von Wehmut bis hin zu stiller Wut!“

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Die den dargestellten Gebäuden, wie z. B. das ehemalige Hotel Stadt Hamburg, das Klinikum, das Theater (gehängt hier auf der rechten Seite des Foyers) anhaftende Ästhetik vermittelt sie uns durch ihre eigens erarbeitete Art der Darstellung zur Wiedererkennung. Eine Darstellung als Abbild, ohne die Wirklichkeit 1:1 zu reflektieren.  Perspektivisch, mit viel Licht und Schatten, trägt sie nicht, wie gewohnt, die Acryl-, sondern die Oelfarbe, und nicht wie sonst üblich mit dem Pinsel, sondern mit den eigens von ihr hergestellten Spachteln aus ausrangierten Plastikkärtchen auf den Maluntergrund auf. Mit Hilfe der in mehreren über- bzw. nebeneinander liegenden Farbschichten verschafft sie den abgebildeten Objekten zusätzlich eine beeindruckende Plastizität. Die Farbgebung selbst beschränkt sich im Wesentlichen auf ein leuchtendes Weiß, unterbrochen von warmen rot-, gelb-, und orangefarbenen Farbtupfen in dezenten Pastelltönen. Diese erzeugen mit den sie umfließenden hellen, blau bis ins türkis leuchtenden Schatten- und Himmelsgebilden einen lieblich ästhetischen Farbklang. Mit den von ihr hierzu gegensätzlich eingearbeiteten dunklen Wolkengebilden, zu erkennen z. B. in den Bildern mit den Titeln „Lindaunis“, „Adler“ und auch „Wasserturm“, symbolisiert sie die Elemente des drohenden Abbruchs, der Stillegung, der Schließung, der anderweitigen Verwendung bis hin zur Verschrottung.  IMG_3528-2

Mit den im Widerspruch zum derzeitigen baulichen Zustand der dargestellten Gebäude stehenden bunten Fenstern dagegen verweist die Künstlerin auf die frühere Nutzung der Gebäude. Eine Form der Nutzung, die überwiegend geprägt war von erfülltem Leben, von Fröhlichkeit, wie auch von Elementen der Kommunikation und Völkerverständigung. Mit den auffällig hell eingearbeiteten Himmelszonen gibt sie uns zu verstehen, dass auch in dunklen Zonen und Zeiten immer noch Hoffnung auf Veränderung besteht. Wie eine Veränderung nicht nur zum Guten, sondern u.U. auch zu einem sinnvollen Wiederbeleben bzw. zum Fortbestand mit anderweitiger Verwendung führen kann, zeigt uns die vielseitige und von starkem Experimentierdrang besessene Kunstschaffende Heidi Scheibel in den heute ebenfalls von ihr präsentierten Werkgruppen „Netzwerke“, „Ausrangierte Grammophonplatten“ und „Alte Plattenhüllen“. Wie auch die „Farb-Papier- und sonstigen Reste“ wurden die ehemals „Ausrangierten“ Gebrauchsgegenstände von ihr mit Fantasie und Kreativität zu großformatigen, kollagenartigen Bezugs- und Zeitfenstern umgestaltet und wie von Zauberhand zu neuem Leben erweckt.

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Liebe Heidi, mit Deiner heutigen Präsentation „Ausrangiert“ hast Du wieder einmal bewiesen, wie lebendig und spannend zeitgenössische Kunst sein kann. Gleichzeitig hast Du mit Deinen Werken hier im Foyer eine Plattform geschaffen, die es den Patienten, Besuchern, wie auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des >HELIOS Klinikum< ermöglicht, sich von ihren Sorgen, Nöten und Anstrengungen zu lösen. Dabei werden sie durch Hinwendung zur und Auseinandersetzung mit der Austellungsthematik nicht nur abgelenkt. In gleicher Weise wird auch eine Vielzahl positiver Erinnerungen und Erlebnisse in ihnen wachgerufen, die sie mit den von Dir dargestellten Objekten und Gebäuden in Verbindung bringen…und das tut ihnen für ihren Genesungsprozess bzw. für die Bewältigung ihrer Alltagslasten sicher gut…und regt hoffentlich auch die Verantwortlichen der Schleswiger Verwaltung und Politik zum Nach-, in Einzelfällen vielleicht auch zum Umdenken an. Hierfür, liebe Heidi, danke ich Dir und gratuliere Dir ganz herzlich im Namen des Kunstvereins und denke, dies auch im Namen aller Anwesenden tun zu dürfen. IMG_3546+ IMG_3602+ IMG_3635+

Mit einem abschließenden herzlichen Dank an Sie alle für das Interesse an der Arbeit des Kunstvereins eröffne ich hiermit die Ausstellung und wünsche Ihnen bzw. Euch einen angenehmen Abend bei angeregter Unterhaltung.–

Text: Rolf-Jürgen Wind   –   Fotos: Karin Hupe

 

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