Zur Ausstellung v. Birgit Bugdahl: „Augenblick“ – Eine Einführung von Barbara Leonhard

Liebe Mitglieder, liebe Kunstfreundinnen und -freunde,

am 30. Januar dieses Jahres haben wir, d.h. der Schleswiger Kunstverein, im Foyer des >HELIOS Klinikum Schleswig< die erste Ausstellung des neuen Jahres eröffnet,  die Bilderausstellung von Birgit Bugdahl. Wetterunbilden wie Schnee und Kälte, ein daraus resultierender hoher ‚Krankenstand‘ potentieller BesucherInnen, dazu ein recht später Hinweis in der örtlichen Presse u.a.m., mögen dazu beigetragen haben, dass der Andrang der Gäste im Foyer diesmal überschaubar blieb. Die trotz aller Schwierigkeiten erschienenen ‚Tapferen‘ hatten sich aber nicht die gute Stimmung verderben lassen; sie stellten dankbar und freudig fest, dass ihr Kommen nicht nur durch charmante ‚Bardamen‘ (Karin & Karin) und die durch dieselben offerierte kleine Speisung belohnt wurde, – nicht zu vergessen die ‚wohltemperierte‘ musikalische Untermalung (Ingo) -, sondern mehr noch durch eine Bilderausstellung, die es sozusagen ‚in sich‘ hatte. Und was es mit dem Entstehen dieser Bilder, ihrer kraftvollen, z.T. mystischen Anmutung ‚auf sich‘ hatte, darüber erfuhren wir etwas von einer Dame, die durch ihre Professionalität einerseits und ihre freundschaftliche Verbundenheit mit der Künstlerin andererseits im wahrsten Sinne des Wortes berufen schien, einen kleinen Teil der Geheimnisse zu lüften, die sich ‚hinter‘ der Erscheinung der ausgestellten Exponate verbargen und verbergen – gemeint ist Barbara Leonhard. Für diejenigen, die nicht dabei sein konnten, hier nun – mit dem Segen der Autorin – ihr ungekürzter Einführungstext (HJH).

„Augenblick“ –

0001_1 – 0002_1„Bevor ich näher auf diese Ausstellung eingehe, zuerst einige Sätze über Birgit Bugdahl. – Ich kenne Birgit schon seit einigen Jahren und wir hatten schon einige gemeinsame Ausstellungen. Sie lebt, zusammen mit ihrem lieben Mann Dettmar, in Ausackerholz, hat dort ein Atelier und ein weiteres in einer Ateliergemeinschaft in Flensburg, mitten in der Fußgängerzone, im Holm 35.

Aus der Situation, nicht mehr Lehrerin sein zu können, fing sie vor 17 Jahren an, nach ihrer eigenen Kunst zu fragen…sie, die Kunstlehrerin, kümmerte sich jahrelang um die Kunst ihrer Schüler und nun wollte sie sich endlich mit ihrer Kunst beschäftigen. Eines Tages sprach eine Freundin sie darauf an, mal an einem Acrylmalwochenende teilzunehmen…die Technik mit Acryl zu malen, gab es in ihren Studienzeit noch nicht… somit wurde die Acrylmalerei zu einer wichtigen Komponente ihres Lebens und neue Möglichkeiten in ihrem künstlerischen Schaffen taten sich auf. Geprägt ist Birgit durch die Visuelle Kommunikation, die in den 70ger Jahren entscheidend für die Kunstpädagogik war und mit der sie sich während ihres Studiums beschäftigt hat.

Nun war sie nicht mehr zu bremsen und als sie 2004 nach Schleswig-Holstein zog, hat sie sofort VHS-Kurse belegt, ist in den grenzübergreifenden Verein FFKK eingetreten, ist im Netzwerk Kunst im Norden, Mitbegründerin der Gruppe Quadrozont… und hat schon an vielen Ausstellungen teilgenommen, darunter jurierte ausstellungen, auch Einzelausstellungen bei z.B. Nordern Art in Flensburg oder im Kunstkreis Eutin.

Sie begann mit Farben und Materialien zu probieren, zu versuchen, zu spielen…und so ist es bis heute geblieben – wobei der experimentelle Umgang am sich entfaltenden Werk für sie im Vordergrund steht. Das Endergebnis ist nicht voraussehbar und das ist ihr sehr wichtig.

Was mich aufhorchen ließ, als wir uns bei einem unserer Gespräche über ihre Kunst unterhielten, war die Aussage, dass „Malen Ausdruck und Verwirklichung ihrer Erfahrungen und ihres Denkens“ sei, wie können wir das jetzt verstehen? Was meint sie damit? Wie soll das denn gehen, wenn jemand doch am liebsten herumexperimentiert? Und dann noch selbst überrascht ist, was am Ende herauskommt? Das geht tatsächlich, weil Birgit Bugdahl im Prozess der Kreativität ihren dabei auftauchenden Gedanken die Chance gibt, zu einem bestimmten Thema zu werden! Allerdings fügte Birgit hinzu, dass dieser Gedanke auch relativ spät kommen kann…Bilder, bei denen noch kein Gedanke hervorgerufen wurde, sind einfach noch nicht fertig, die brauchen dann noch eine Weile. Ohne ihn wären die Arbeiten reine Dekoration und das wäre ihr viel zu wenig, zu leer, nur Farbe zu zeigen.

Es kommt auch vor, dass Birgit Bilder überarbeitet und neue Inhalte kommen lässt und dann mit den neuen Gedanken weiterarbeitet. Diese Gedanken sind allerdings nur für Birgit wichtig, der Betrachter kann seine eigenen Interpretationen wagen. Sie sagt, es käme ganz darauf an, was jeder selbst erlebt hat, denn das was sie selbst darin sieht, hat nur mit ihrer eigenen Geschichte, ihren Erfahrungen zu tun. Sie möchte dem Betrachter viel Raum geben und ihn nicht einengen. Das waren Informationen zur Intention, nun geht es um die Techniken.

Manchmal arbeitete sie unterschiedliche Papierstückchen ein, Netze oder an Tücher oder kleine Tüten erinnernde Materialien, benutzte zusätzlich Spachtel, verwischte, vermischte, legte Farbe in Schichten an, nahm wieder weg, ließ Farbe ihren Weg laufen, zog Linien, Wege…bei einigen Bildern sehe ich regelrecht mit welcher Hingabe, Energie, Entschlossenheit und Tatendrang sie vor ihrer jeweiligen Arbeit steht, höre das Kratzen des Spachtels und das Zerknüllen von Papier und ich kann mir vorstellen, du redest auch ab und zu dabei mit dir selber…aber das ist nur eine Vermutung!  Manche Bilder haben eine ungeheure Tiefe, in die ich hineinfallen möchte, andere strahlen eine enorme Kraft aus, weitere Ruhe…einfach nur Ruhe.

Dann ihre Monotypien: bei dieser Technik wird Farbe auf eine Platte aufgetragen, die oft aus Acrylglas oder Glas besteht und man druckt dies auf Papier. Das ist ein einmaliger, schnell vollzogener Vorgang! Bei Birgit entwickelt sich dieser Prozess des Druckens allerdings zu einer richtigen Arbeit, sie druckt oft 20-30 mal hintereinander, Stück für Stück, benutzt dabei Linol- und Acrylfarben. Sie säubert die Platte zwischendurch nicht, sondern macht mit den Resten der alten Farbe weiter. Die ersten Drucke sind satt, fettig, die anderen werden poröser, bringen Linien, werden stellenweise hauchdünn, fast transparent…dickere vollere Stellen setzt sie ganz bewusst mit neuer Farbe ein, diese bringen Tiefe.

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0004_10005_1Der Titel dieser Ausstellung heißt Augenblick…was kann das alles bedeuten? Ein Augenblick hat eine gewisse Dauer, wenn er auch noch so kurz ist. Er gehört nicht zu der Form der Zeit, wie die Uhr sie misst. Die Wissenschaftler haben die Dauer des Augenblicks gemessen, er dauert 100 Attosekunden, das ist der milliardste Teil einer Milliardstel Sekunde. Aber das ist hier nicht gemeint. Was fällt mir noch zum Augenblick ein?  Verweilen, sich Zeit nehmen, stehen bleiben, den Moment genießen, ihn sogar festhalten, zur Ruhe kommen.

Wir kennen alle den Ausspruch; Ich habe im Augenblick keine Zeit …das ist eine vollkommen merkwürdige Aussage! Denn der Augenblick entsteht tatsächlich just in diesem Moment, jetzt gerade, und schwupps, ist er wieder weg, verschwunden…Vergangenheit! Der Augenblick gehört also definitiv zur Gegenwart. Wenn also jemand sagt, im Augenblick habe ich keine Zeit, weiß er nicht, was er meint oder müsste diesen Satz pausenlos wiederholen bis er denn nun endlich Zeit hat.

Aber bei dem Augenblick, den Birgit Bugdahl meint, geht es um mehr. Um den besonderen Augenblick. Um die kurze Zeitspanne, die mich in bestimmter Weise ergreift.

Der besondere Augenblick kann eine Harmonie des Moments sein und dieser erweckt etwas in mir, ruft etwas hervor.

Ein Gefühl, das dermaßen tief gespürt wird, dass ich etwas davon mitnehme und behalte, auch über längere Zeit.

Es gilt, was Goethe seine Figur Faust vom Augenblick sagen lässt „ Verweile doch, du bist so schön“, So steht der Augenblick im Gegensatz zur Weile.

Und nun sind wir auf den Punkt gekommen. Der Betrachter wird dazu aufgefordert, die Betrachtung des jeweiligen Bildes so bewusst und klar zu erleben, dass er sich tatsächlich im Hier und Jetzt befindet, in der absoluten Gegenwart und je länger er in diesem Sinne das Bild betrachtet, sich fallen lässt, auf Entdeckung geht, umso länger wird dieser Augenblick, heißt, diesen Zustand des Genusses zu erkennen, in Ruhe zu schauen. Birgit Bugdahl fordert uns alle durch die Wahl ihres Titels zu dieser Ausstellung … dazu auf …nach dem Motto: früher bin ich nur gehetzt, gerannt, jetzt bleibe ich auch stehen.  Laufe mit meinen Augen nicht nur von einer Farbfläche zur nächsten, sondern nehme mir die Muße, an Stellen hängen zu bleiben, um Besonderheiten zu bemerken, die meine Fantasie bewegen, Gedanken aufkommen lassen, um diese dann mit mir zu nehmen.

Nun dann: genießen wir den Augenblick!

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“.

Barbara Leonhard

Text: Barbara Leonhard          Fotos: Karin Hupe

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