Vorweihnachtliche Exkursion nach Lübeck

Liebe Mitglieder des Kunstvereins, liebe Freunde, liebe Gäste, am 11. Dezember 2015 hat der Schleswiger Kunstverein einen Tagesausflug nach Lübeck durchgeführt. Auf dem Plan standen zuvörderst das >St. Annen Museum< mit seiner „Jahrhundertausstellung“ und anschließend ein Besuch des Lübecker Weihnachtsmarktes. Beteiligte wie Nichtbeteiligte dürfen sich über einen Bericht freuen, den  freundlicherweise – wieder einmal (!) – unser Ehrenmitglied Anke Carstens-Richter  ausgearbeitet und der Homepage-Redaktion zur Veröffentlichung zugeleitet hat. Diese wiederum freut sich, dass von Karin Hupe und Joachim Tschesch eine Reihe von Fotos eingegangen ist, um den Text zu illustrieren. Obwohl hier aus bekannten Gründen wieder nur eine kleine Auswahl dieser Bilder herangezogen werden kann, wird so doch ein eindrucksvoller Einblick in die Ausstellung möglich. Unseren drei oben genannten Mitgliedern an dieser Stelle ein herzliches ‚Dankeschön‘ (HJH).

 

Exkursion zur „Jahrhundertausstellung“ im Lübecker St. Annen Museum

Zur „Jahrhundertausstellung“ mit dem Untertitel „Lübeck 1500 – Kunstmetropole im Ostseeraum“ machten sich mehr als 30 Mitglieder des Kunstvereins Schleswig und Umgebung kurz vor Weihnachten mit dem Bus auf die Reise an die Stadt an der Trave. „Jahrhundertausstellung“ heißt die Präsentation von mittelalterlichen Schnitzaltären, Epitaphien, Gemälden, Silberschmiede-Arbeiten und Alltagsgegenständen, weil das der Heiligen Anna  – der Mutter Marias – gewidmete Kloster vor 500 Jahren gegründet wurde und seit nunmehr 100 Jahren in den alten, aber hervorragend restaurierten Gebäudeteilen das St. Annen Museum untergebracht ist.

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Zur Kunstmetro – pole entwickelte sich Lübeck als „Königin der Hanse“ im Mittelalter, weil die Kaufleute der Stadt nicht nur mit den Hansestädten im Ostseeraum lebhaften Handel betrieben, sondern auch mit den Niederlanden und z.B. mit London, wo sich das große Hansekontor Stalhof befand. Da die reichen Hansestädter es sich leisten konnten, den besten Künstlern ihrer Zeit Aufträge zu erteilen, siedelten sich zahlreiche Bildschnitzer, Maler, Graveure und Silberschmiede in Lübeck an, die auch die Hanse-Kaufleute  anderer Länder mit Kunstwerken belieferten. Um 1500 gab es deshalb in Lübeck 15 Kunstwerkstätten, in Hamburg, das zu der Zeit erheblich kleiner war, nur vier.

Altaraufsätze, sog. Retabel, wurden von wohlhabenden Lübeckern aber auch z.B. bei dem berühmten niederländischen Bildhauer Hans Memling bestellt und per Hansekogge nach Lübeck verfrachtet. Dieses sog. Greveraden-Retabel ist eines der Prunkstücke der Ausstellung, nicht nur wegen seiner Größe und der vier Seitenflügel, die während der Wochentage zu sehen waren – der  Mittelteil des Altaraufsatzes mit der Kreuzigungsdarstellung wurde nur an Feiertagen geöffnet -, sondern auch wegen der außergewöhnlichen Qualität der Malerei. Auftraggeber für dieses letzte große Werk von Hans Memling, das 1491 in Brügge fertiggestellt wurde, war einer der Lübecker Greverade-Brüder, entweder der Domherr Adolf oder sein Bruder, der Kaufmann Heinrich. Dargestellt ist einer der beiden jedenfalls knieend und mit gefalteten Händen auf der linken Seitentafel bei geöffnetem Zustand.

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Auf etlichen der in der Ausstellung präsentierten Altaraufsätzen ist die Hl.Anna im Zentrum dargestellt, immer im Zusammenhang mit Maria und dem Jesusknaben, denn das Kloster ist ja vor einem halben Jahrtausend der Mutter Marias geweiht worden. Häufig dargestellte Motive sind aber auch  Maria auf der Mondsichel und der Hl.Georg bzw. Jürgen im Kampf mit dem Drachen.

Die berühmtesten, in Lübeck ansässigen Künstler – sie verstanden sich allerdings damals als Handwerker – waren Bernt Notke und Hermen Rode. Sie schufen Skulpturen und Altaraufsätze, von denen einige seit der Gründung des Museums zum Sammlungsbestand gehören. Das größte, der Werkstatt von Bernt Notke zugeschriebene Werk, die Triumphkreuzgruppe mit sechs Beifiguren, befindet sich allerdings im Lübecker Dom und ist selbstverständlich nicht in die Ausstellung integriert worden.

Die meisten der Schnitzfiguren aus Eiche  in den verschiedenen Bildprogrammen der Retabel sind farbig gefasst, häufig sogar in Gold. Sie stehen, sitzen oder knien oftmals relativ starr und unbeweglich, Maria immer mit leicht ihrem Sohn zugeneigten Kopf. Erst ganz allmählich gelingt es den Künstlern, den Eindruck von Bewegung zu vermitteln. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Figur des Apostels Andreas aus dem Dom zu Güstrow, die Claus Berg zugeschrieben wird und um 1530 entstanden ist.

Um diese Zeit war die Reformation schon längst auf dem Vormarsch. Es dauerte nur noch wenige Jahre, bis fast alle Lübecker Werkstätten schließen mussten, weil sie keine Aufträge mehr bekamen, denn Bilder galten nun als überflüssig, sogar schädlich für die Gläubigen. Schließlich war inzwischen auch der Buchdruck erfunden worden und die Geschichten der Bibel wurden nun in der Luther-Übersetzung verbreitet. Durch den sog. Bildersturm wurden in vielen Städten alle Kunstwerke aus den Kirchen entfernt und vernichtet. In Lübeck holten die Familien der Auftraggeber von Altaraufsätzen und Epitaphien jedoch rechtzeitig viele der Kunstwerke aus den Kirchen und bewahrten sie auf den Dachböden ihrer großen Kontorhäuser auf, so dass sie bis in die heutige Zeit erhalten blieben.

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In dieser nachreformatorischen Zeit, die kunsthistorisch als Renaissance bezeichnet wird, kam jedoch die Porträtmalerei in Mode. Nun ließen sich die reichen Lübecker Bürger nicht mehr nur als kleine Figuren am Rand von Altarbildern verewigen, sondern als kostbar gekleidete Bürger mit Pelzkragen und goldener Halskette wie beispielsweise der Kaufmann Mathias Mulich (um 1520, gemalt von Jacob Claez, Utrecht).

1531 hatte sich die Reformation endgültig nach einigen Auseinandersetzungen und Unruhen in der Stadt durchgesetzt. Davon zeugt die neue Kirchenordnung, die von Johannes Bugenhagen, dem Wittenberger Stadtpfarrer, zusammen mit dem Rat und der Bürgerschaft ausgearbeitet und zwischen Stadt und Domkapitel schließlich vereinbart wurde. Dadurch bekam die Bürgerschaft erheblich mehr Einfluss auf die Kirchenverwaltung, die Wahl der Pfarrer, das Schulwesen und die Sozialfürsorge. Im Gebäude des aufgelösten Katharinenklosters wurde die erste Lateinschule gegründet. Heute ist sie als koedukatives Gymnasium „Katherineum“ bekannt.

Nach dem Museumsbesuch stärkten sich einige der Kunstvereinsmitglieder mit Nusstorte und Kaffee bei Niederegger, während andere sich gleich in das Getümmel des Weihnachtsmarktes begaben, der sich alljährlich in der gesamten Fußgängerzone Lübecks ausbreitet.

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Auf der Rückfahrt nach Schleswig war allen klar, dass sich eine Reise nach Lübeck immer lohnt.

Text: Dr. Anke Carstens-Richter                                          Fotos: Karin Hupe u. Joachim Tschesch

 

 

 

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