Besuch der 63. Landesschau

Die erste Exkursion 2017 führte 21 Mitglieder des Kunstvereins – einige mussten leider kurzfristig aus Krankheitsgründen absagen – nach Kiel. Geplant war ein Besuch in der Stadtgalerie sowie im Schifffahrtsmuseum. Wie immer hatte Dr. Palisaar vorbildlich Bahnreise und Kunstführung organisiert  und so erwartete die Gruppe gespannt und bestens gelaunt die Führung durch die 63. Landesschau. Die Kunsthistorikerin Frau Schulken ging zunächst kurz auf die lange Geschichte der Landesschau ein, die alljährlich vom BBK (Berufsverband  bildender Künstler) in verschiedenen Städten Schleswig-Holsteins ausgerichtet wird. In diesem Jahr wurden 91 Werke von 72 Kunstschaffenden gezeigt. Als wesentliche Merkmale dieser aktuellen Kunst stellte Frau Schulken heraus, dass die Arbeiten Überraschungseffekte aufwiesen, dass sie oftmals geheimnisvoll seien, dass sie den Betrachter herausforderten, dass sie mit neuem offenen Blick Bekanntes, Banales, Aktuelles zeigten. Da es bei über 90 Kunstwerken schwierig sei, einen roten Faden zu finden, wollte sie uns Arbeiten in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen nahe bringen. Frau Schulken begann mit dem Bild „Heiße Quelle“ von Annegret Zucker,  die in diesem Jahr den Landesschaupreis für ihr Gesamtwerk gewann. Die Künstlerin malt Erinnerungen an Orte, die sie besucht hat. Mit der Distanz verändert sich das Gesehene, wird vereinfacht in verhaltener Farbigkeit wiedergegeben.

Wenn auch die Malerei in dieser Ausstellung tonangebend ist, so bringen doch punktuell aufgestellte Skulpturen Spannung in die einzelnen Räume, ergänzen Grafiken, Fotografien und Videos die überwiegend großformatigen Bilder. Das wohl auffälligste Werk hat Tobias Regensburger geschaffen. Seine Skulptur ist zusammengefügt aus unzähligen „Alltags-Wegwerfprodukten“. Bocciakugeln, Kabel, Drähte, Stoffe und viele größtenteils bunt bemalte skurrile Dinge ergeben eine farbenfrohe Figur, bei der man einzelne Körperteile zu erkennen glaubt, die Assoziationen an ein menschliches Wesen hervorruft, aber doch ein rätselhaftes Geschöpf bleibt.

Auch die Arbeit von Volker Tiemann „Wir greifen nach allem, aber wir fassen nur Wind“ lässt den Betrachter zunächst etwas ratlos davor stehen. Nicht nur der Titel gibt Rätsel auf, ebenfalls die unvollständige Skulptur. Der Künstler spielt mit der Schwerkraft, lässt den Betrachter ergänzen was fehlt, zwingt ihn zum mehrmaligen Hinsehen.

Um zu erkennen, was ein Kunstwerk ausmacht, was dahintersteht, muss man ein zweites oder auch ein drittes Mal hinschauen. Als sehr hilfreich erwiesen sich die erklärenden Worte unserer Führerin, die uns half, Dinge zu entdecken, die zunächst nicht wahrgenommen wurden. Als Beispiel dafür das große Ölbild „Irgendwo da draußen“

von Katharina Duwe. Bisher war man von ihr realistischere Bilder, oft etwas verschwommen gemalt, gewohnt. Eigentlich real und doch wieder abstrakt die hier dargestellte Stadtlandschaft im Dunkeln. Man sieht Lichter aufblitzen, erkennt Hochhäuser, dunkle Flächen und kann doch nicht alles zuordnen. Frau Schulken weist auf ein Schiff am linken Bildrand hin und dann entdecken einige weitere Schiffe, Spiegelungen, kleine Häuser.  Wie auch hier, wird auf vielen Bildern die Fantasie des Betrachters gefordert. Reale Dinge werden unscharf dargestellt, die Künstler spielen mit Licht und Schatten, verfremden Bekanntes.

Sehr angetan zeigten sich die Besucher von der Hängung der Ausstellung. In den schönen großen Räumen sind die Werke aufeinander abgestimmt.  So gibt es beispielsweise einen schwarz-weißen Raum, in dem überwiegend Grafiken zu sehen sind. Hier dominiert Waltraud M. Stahlbohm mit ihrem stillen in Grautönen gehaltenen Großformat „Frau mit Umhang“ und ihrer Büste „Frau mit Kappe“. Die dargestellten Frauen wirken einsam, allein gelassen. Sie sind Opfer der sie umgebenden Gesellschaft. Flüchtlinge, Verlassene, Arbeitslose? Gefangen in ihrer Situation scheint die Frau mit der Kappe aus Blei. Mit nach unten gerichteten Augen verharrt sie in der sie fest umschließenden Gipsbinde.

Sehr beeindruckt war die Gruppe von den Arbeiten Bernd Hamanns. In einem sich drehenden Diorama mit Glashaube blickte man in ein „Warenlager“, dessen Regale aus Pappe mit Gegenständen aus unterschiedlichsten Materialen bestückt waren, eine sehr reizvolle ästhetische Sammlung. Hinter der Installation hing ein großes Foto von dieser Arbeit. Das Überraschende: Reale Menschen, die Dinge in der Hand hielten, waren hineinkopiert worden und verwandelten das Lager in einen Supermarkt.

Vertraut machte Frau Schulken die Teilnehmer noch mit etlichen anderen  Arbeiten: sei es ein abstraktes Bild von Klaus Käselau,  Zeichnungen auf dem Tablet  von Brigitta Borchert, ein Video von Johannes Bienemann in dem reale Häuserfassaden gegeneinander liefen oder das Wandobjekt „Kaskade“ von Mareile Schröder, in dem in ein Lochblech gehängte Kupferstäbe unbewegtes Wasser symbolisierten.

Beendet wurde der Rundgang vor dem Bild eines Künstlers, der Mitglied des Kunstvereins ist und dessen Arbeiten seit 1966 regelmäßig auf der Landesschau zu sehen sind. Claus Vahle hatte sich bildnerisch mit der Kieler Woche auseinandergesetzt, und zwar mit der „Spiellinie“ auf der Krusenkoppel. Auf seinem Bild spielt der Künstler mit Formen und Farben, stellt reale Dinge dar, wie einen Vogel, eine Burg, eine Flagge, die jedoch durch das Absperrband wieder verfremdet werden, rätselhaft wirken. Natürlich erläuterte nicht nur die Kunsthistorikerin das Bild, sondern auch der Künstler selbst.

„Beeindruckt haben mich bei Ihrer Führung die Ruhe des Ausdrucks, die einem Gelegenheit bot, das Gesehene zu verarbeiten“, lobte der Vorsitzende Rolf-Jürgen Wind Frau Schulken  und sprach damit vielen Teilnehmern aus der Seele.

Während der anschließenden Stärkung im Restaurant neben der Stadtgalerie erkundigte sich die Verfasserin dieses Beitrags nach dem Eindruck, den die Ausstellung hinterlassen habe. Sehr lohnend – abwechslungsreich – vielfältig – verrückte Sachen dabei – kleine NordArt – qualitätvoll – eine gute Atmosphäre in den Räumen – verschiedene Techniken – fiel den Teilnehmern zur Landesschau ein, wobei sie  zu einem ähnlichen Ergebnis kamen wie der inzwischen verabschiedete Stadtgalerie-Direktor Wolfgang Zeigerer: Der Rundgang durch die hellen großen Räume sei ein Vergnügen, die überwiegend farbenfrohen Werke kämen gut zur Wirkung und überhaupt sei es die schönste Landesschau, die er je gesehen habe.

 

 

Schreibe einen Kommentar

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu

Sie können diese HTML-Tags benutzen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>