Eine besondere Kunstreise an die polnische Ostseeküste

Nun liegt sie schon wieder über zwei Wochen hinter uns, die Fahrt nach Stettin, Kolberg, Leba und Danzig, an der etwa ein Drittel der Kunstvereinsmitglieder teilnahmen. Noch haben die Reisenden die herrlichen Landschaften und Städte vor Augen, noch erinnert man sich an viele eindrucksvolle Erlebnisse. Sie heißt es festzuhalten, und ich bin Karla Lena Jäger, Jeanette Günther und Dr. Anke Carstens – Richter sehr dankbar, dass sie je einen Tagesbericht übernommen und sehr anschaulich, informativ und von persönlichem Erleben geprägt,  ihre Eindrücke aufgeschrieben haben. Wir starteten am Montag, dem 19. 06.,  wieder in bewährter Weise mit einem 5-Sterne-Reisebus der Firma Bölck und mit unserem Fahrer Carlo Tavia  hatten wir wahrhaftig in einen Glückstopf gegriffen.

Doch lassen wir nun Lena für diesen Tag zu Worte kommen.  

Wir müssen schon früh aufstehen um die Busabfahrt um 6.30 Uhr pünktlich zu erreichen. Es ist ein schöner, warmer Sommertag, perfekt für eine Reise. Schon sind wir unterwegs über die A7, die um diese Zeit noch ohne Stau zu befahren ist. Allerdings sind noch nicht alle 50 Teilnehmer/innen an Bord. Es geht nach Kiel, wo zwei weibliche Gäste zusteigen.

Wieder auf der Autobahn erreichen wir nach gut zweieinhalb Stunden Selmstorf, wo ein Frühstück auf uns wartet. Nun ist absehbar, dass wir den ursprünglichen Zeitplan nicht einhalten können. Es ist bereits später Vormittag, als wir uns in Richtung Stettin bewegen. Wir überqueren die polnische Grenze ohne Aufenthalt.  Aber die Strecke zieht und zieht sich hin auf schlechten, schmalen Straßen. Wir haben ein Stunde Verspätung und die Stadtführerin wartet auf uns. Das Thermometer ist auf 28° Grad geklettert und so sind alle froh, gegen 16.00 Uhr am Park Jasne Blonia aus dem Bus steigen zu können.

     Ein lauer Wind fächelt uns eine kleine Brise zu, die freundliche Stadtführerin gewährt uns eine Viertelstunde zum Verschnaufen. Wir befinden uns an einem großen Platz, an dem auf der einen Seite ein monumentales Denkmal mit drei Adlern steht. Sie symbolisieren drei polnische Generationen: die Alten, die Heutigen und die Jungen, denen die Zukunft gehört. Auf der gegenüberliegenden Seite hat man Karol Woityla, dem polnischen Papst Johannes Paul II. ein Denkmal gesetzt. Da er in Polen als Heiliger verehrt wird, werden wir ihm auf unserer Reise in jeder katholischen Kirche wieder begegnen. Der Park wird für Veranstaltungen genutzt und hat, außer dem Papst, viele berühmte Politiker gesehen. Jasne Blonia ist von 207 Platanen gesäumt, die Stettin den Namen polnische Platanenstadt geben, insgesamt findet man davon etwa 700 Bäume im Stadtgebiet.  Stettin besteht zu 50% aus Grünanlagen und Wasserflächen. Im Park sehen wir auffällig viele junge Familien mit ihren Kindern, die sich auf den Freiflächen tummeln. Zur Freude der Kinder ist ein Seifenblasenkünstler da, der in einer Portion ca. 20 Seifenblasen auf ihre Reise schickt. Wie überall versuchen die Kinder sie zu fangen…

Viel zu schnell ist unser luftiger Aufenthalt zu Ende, schon geht es weiter zur Stadtrundfahrt. Unterwegs begegnen uns ungewöhnlich aussehende Straßenbahnen: die sind ursprünglich in Ostberlin in Betrieb gewesen.

Die Stadtführerin berichtet, dass Stettin seit 1945 eine polnische Stadt ist, sie war zu dem Zeitpunkt zu etwa 90% zerstört. Wir fahren durch das Westend-Viertel, in dem von 1900 bis 1945 die reichen Fabrikanten der Stadt wohnten. Heute werden die Häuser größtenteils als Hotels genutzt. An vielen Straßenecken finden sich Blumenläden, die sieben Tage in der Woche 24 Std. lang geöffnet haben. Polnische Männer bringen, insbesondere, wenn sie in der Frühe nach Hause kommen, ihren Frauen Blumen mit.

Wir erfahren, dass Stettin zur Woiwodschaft Westpommerns gehört und als siebtgrößte Stadt des Landes kreisfrei ist. Sie erstreckt sich auf ca. 301 Quadratkilometern und beherbergt etwa 400.000 Einwohner. Stettin hat drei Universitäten: eine technische, eine medizinische und eine für ein allgemeines Studium.

Ehemalige Ostberliner Straßenbahn vor dem Jakobidom 

Über die Geschichte des Stettiner Greifenschlosses hören wir, dass bereits im 12. Jahrhundert von Pommernherzögen eine Burg gebaut wurde. Nach vielen Streitigkeiten zwischen den Bürgern Stettins und diversen Herzögen, wurde die Burg immer wieder umgestaltet oder abgerissen. Auch im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg wurde sie schwer beschädigt. Für die späteren preußischen Kronprinzen war es dann eine standesgemäße Residenz. Diese wurde jedoch Anfang des 19. Jahrhunderts als Zivilverwaltungsgebäude umgewidmet. 1944 wurde das Schloss durch alliierte Luftangriffe schwer beschädigt. Von 1958 an wurde es im Renaissance-Stil wiederaufgebaut und wird heute als Kulturzentrum genutzt.

Auf unserer Rundfahrt passieren wir den gotischen Jakobidom, der nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche erbaut wurde. Der massive Backsteinbau ist mit seinen gotischen Fenstern restauriert worden. Auch das „Alte Rathaus“ ist mit seiner Nordfassade in der ursprünglichen gotischen Gestaltung mit vereinfacht rekonstruierten Ziergiebeln versehen worden. Die Südfassade zum Heumarkt zeigt Formen der Renaissance. Dort befindet sich heute das Museum für Stadtgeschichte und ein Restaurant.

Die Hakenterrasse ist nur zum Teil wiederhergestellt. Sie ist das bekannteste Bauwerk und ein Wahrzeichen der Stadt Stettin. Der Bürgermeister Hermann Haken hat damit in der Bauzeit von 1902-1905 eine bleibende Erinnerung an sich geschaffen. Insgesamt gehören drei monumentale Gebäude zum Gesamtensemble: die Seefahrthochschule, das Theater der Gegenwart und der Sitz der Regierung für die Woiwodschaft Westpommern. Vor dem mittleren Bau, zwischen zwei Jugendstilpavillons führt eine Freitreppe hinunter zum Fluss. An moderner Gestaltung fällt im Stadtgebiet die neue Philharmonie ins Auge.

Wir erreichen knapp zur vorgesehenen Zeit unser Hotel, erhalten dort dann ein sehr gutes Abendessen. Viele nutzen danach in der warmen Abendluft die Zeit für einen Spaziergang.

 

Wir besichtigten das Stadtschloss mit der schwedischen Uhr und dem 
Glockenspiel am Uhrturm.

Wer rechtzeitig eingetroffen war, konnte die Probe eines Chores im Innenhof genießen.

 

So ging der erste Tag unserer spannenden Reise angenehm zu Ende.

 

 

Den Bericht für den 20. Juni hat Jeanette übernommen.

Nach einem ausgezeichneten Frühstück im schönen, zentral gelegenen Hotel Radisson Blue  heißt es Koffer verladen  und ein ganz besonderes Ziel ansteuern. Doch zunächst noch ein Wort zum Hotel. Es gilt als die beste Bleibe der Stadt. Angeschlossen ist das Cafe 22, das vom 22. Stockwerk aus einen herrlichen Panoramablick bietet.  Etliche Reisende genossen in luftiger Höhe edle Getränke und einen Blick auf Stettins abendliches Lichtermeer  sowie auf den markanten Komplex der Stettiner Philharmonie, die an verschachtelte Patrizierhäuser erinnert und  als die modernste in Polen gilt.

Doch nun zu unserem ersten Ziel: es ist das Kunst-Lyceum „Plastycznego.“ Unser Mitglied Prof. Tadeus Uhl hat es geschafft, diesen Besuch für uns zu arrangieren, obwohl es kurz vor Ferienbeginn ist. Außerdem ist man mitten beim Umzug, denn das Anwesen soll renoviert werden – etwa ein Jahr lang! Trotzdem nehmen sich der Schulleiter Rainer Haak, ein Deutschlehrer, eine Schülerin und ein Schüler viel Zeit für uns. Sie führen uns durch das ganze Gebäude, zeigen uns die verschiedenen Ateliers und weisen uns auf Schülerarbeiten und eine Ausstellung hin. Wir sind begeistert, angeregt und erfreut und staunen über die hohe Qualität der Arbeiten. Wir wünschten uns für unser Land ähnliche Einrichtungen.  Unterrichtet werden Malerei, Bildhauerkunst, Design, Stuckatur, Möbelentwurf, Restaurierung, Medien. Die Schüler können sich ihre Schwerpunkte wählen und arbeiten 24 Stunden in der Woche auf künstlerischem Gebiet. Hinzu kommen 24 Wochenstunden für wissenschaftliche Fächer, denn auf dem Lyzeum wird ein normales Abitur abgelegt. In Polen gibt es 25 dieser beeindruckenden Kunstschulen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu den Bildern: 1 Zunächst haben wir uns im Lehrerzimmer versammelt. Alle Möbel und Lampen sind von den Schülern gefertigt. Dabei handelt es sich um einzelne Diplomarbeiten, für die 3-4 Monate zur Verfügung stehen.  2 In den Fluren wurden Aquarelle, sehr schöne Arbeiten der Abschlussklasse ausgestellt.    3 Porträtbüsten     4 In einer Werkstatt      5 Ein großes Atelier lädt zum Arbeiten ein.                   6 Beschläge, ausgeführt in unterschiedlichen Techniken      7 Rolf-Jürgen Wind bedankt sich bei Schülern und Lehrern für die informative, ausführliche Führung.

Dann heißt es von der alten Hansestadt Abschied nehmen. Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal am prächtigen Schloss vorbei. Überall duftet es nach Lindenblüten, ein köstliches Parfüm.

Weiter geht es in Richtung Kolberg. Über viele landschaftlich schöne Straßen erreichen wir wie geplant die Stadt. Unser junger Stadtführer nimmt sich viel Zeit, uns im Osten der Stadt all die vielen neu gebauten Hotels in allen Einzelheiten zu präsentieren. Nach dieser Rundfahrt, so nehme nicht nur ich an, dass endlich der Stadtrundgang folgt, um von der Schönheit dieses berühmten Seebades etwas mehr zu sehen und zu erfahren. Weit gefehlt! Es heißt: Wir haben keine Zeit mehr.  Wir müssen pünktlich in Leba sein. Als ich Einspruch erhebe, da ich die ersten sechs Jahre meines Lebens in Kolberg  verbracht habe,   werden uns allen wenigstens 10 Minuten für den berühmten Kolberger Dom genehmigt. Viel zu  wenig  Zeit, um einen äußeren und  inneren Eindruck von diesem gewaltigen Bauwerk zu gewinnen.

Bei weiterhin allerschönstem Wetter kommt nun die letzte Etappe. Wir fahren durch wunderschöne Wälder und die lauschigsten Alleen. Trotz des langsamen Vorankommens erreichen wir fast pünktlich unser Hotel in Leba. Beim Abendessen können wir dann endlich entspannen. Nach Vergabe der Zimmer nutzen viele von uns die Gelegenheit, durch ein kurzes Waldstück an den Strand zu kommen. Das erste Mal am Wasser, welch ein Genuss! Sogar den herrlichen Sonnenuntergang können noch einige genießen. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende. Ein Glas Wein rundet den Abend ab.

 

Am Mittwoch wollten wir Leba und Umgebung kennenlernen und von diesem Tag werde ich berichten.

Doch zunächst einige Worte zu unserer Unterkunft.  Im komfortablen „Leba Hotel & SPA“ waren wir in sehr geräumigen, freundlichen Zimmern mit Balkon untergebracht. Das Frühstücksbüfett war überaus reichhaltig und abwechslungsreich. Besonders die leckeren Pfannkuchen fanden viele Fans. Auch am Abend wurden köstliche Sachen aufgefahren und man verwöhnte uns mit manch leckerer polnischer Spezialität. Am Morgen stieß dann Margarete, unsere Reiseleitung, zu uns, die uns bis Freitag begleiten sollte und sich als zweiter Glücksgriff erwies. Jürgen verabschiedete sie „als beste Begleitung, die der KV je auf einer Tour gehabt hätte.“

Der Bus brachte uns zum Parkplatz Rabka des Slowinski-Nationalparks. Während der kurzen Fahrt berichtete Margarete über                                                        die Besonderheiten der eindrucksvollen Landschaft und klärte wichtige organisatorische Fragen.

Dann hieß es die roten Elektozüge zu besteigen und voller Spannung verfolgten wir die Fahrt durch den dunklen Kiefernwald, vorbei an umgestürzten Baumriesen, einem heute freundlich wirkenden Ein-Mann-Bunker, dem ehemaligen deutschen Versuchsgelände für Luftabwehrraketen, an Fußgängergruppen und Fahrradfahrern.

 

Plötzlich tauchte rechts von uns eine hohe weiße Düne auf, aus der kahle Baumstämme ragten. Die Wagen hielten, wir stiegen aus und versanken bald im Dünensand. Schnell zogen die meisten Schuhe und Strümpfe aus.  Und dann lag der Fuß der berühmten Lontzkedüne vor uns. Ich erkannte sie nicht wieder! Staunte, spürte den Wind, der ständig  feinsten Flugsand aus Nordwest in Richtung Osten trieb. Da wurde mir klar, wie es möglich war, dass die Dünenlandschaft sich innerhalb von sechs Jahren so verändern konnte. Kein teilweise noch bewachsenes Tal trennte sie vom Weg. Wo würden die Elektrokarren wohl in fünf Jahren halten? Zur Anschauung  ein Aquarell von Claus Vahle, das er 2011 gemalt hat.

Nun aber hieß es die Lontzkedüne zu erobern. Bepackt mit Malutensilien und ein wenig Verpflegung stieg man beherzt, allmählich jedoch immer langsamer werdend, durch den feinen Sand. Kavalier Peter L. erleichterte  gleich zwei weiblichen Wesen den Aufstieg, man sah eine Mitreisende hinfallen, aber auch da zeigten sich  sofort helfende Hände, einige hätten es ohne Tau und Verschnaufpause sicher gar nicht geschafft und es stellt sich die Frage (Bild 4): wurde gar jemand Huckepack genommen?

 

 

 

 

 

 

Endlich hatten alle den ersten Teil der Lontzkedüne geschafft. Da hielt es etliche der künstlerisch Schaffenden nicht länger! Sie suchten sich, möglichst an einem Pfahl, ein Plätzchen, trotzten dem Wind, der die Zeichenblätter genussvoll flattern ließ und  ihnen Sand zwischen die Zähne trieb, störten  sich auch  nicht an neugierigen Touristen, sondern zeichneten hingebungsvoll die sich ihnen bietenden fantastischen Motive.

 

 

 

 

 

 

Etliche wagten sich bis zur Spitze der Lontzkedüne hinauf, die zur Zeit bei etwa 42 m liegt und wurden mit einem unglaublichen Rundblick belohnt. Endlose wüstenähnliche Flächen zu beiden Seiten der Nehrung, links ein Blick auf die Ostsee und rechts über einen dichten Kiefernwald hinweg liegt der silbrig schimmernde Lebasee. Am anderen Ufer entdeckte ich Lebafelde, das Heimatdorf meiner Familie. Sehnsucht, alte Erzählungen wieder lebendig werden zu lassen, wurde wach und ich beschloss, auf jeden Fall dort noch einmal hinzufahren. Faszinierend auch die Wolkenschatten, die über Täler und Endmoränenhügel in immer neuen Varianten hinweghuschten. Manche Hügel waren noch dicht begrünt inmitten der Wüstenei, aber auch sie wird bald das gleiche Schicksal erleiden wie das der begrabenen Wälder, von denen nur noch abgestorbene Baumstämme erzählen und die ahnen lassen, wieviele Meter des schimmernden Sandes sich hier abgelagert haben.

Andere hatten sich schneller in Richtung Strand begeben und dort seltsame Entdeckungen gemacht, auch eine Folge des ewigen Zusammenspiels von Wasser, Sand und Wind: bizarre kleine Sandtürmchen, tausende kleiner Steinchen und immer wieder Baumstämme in unterschiedlichen Größen. Vielleicht hat sich auch schon jemand in die Ostsee getraut, auf jeden Fall aber fand man ein geschütztes Plätzchen, dass zum Sonnenbaden einlud.

 

 

 

 

 

 

 

Viel zu schnell ging die herrliche Zeit im Nationalpark zu Ende. Es gab aber ein Trostpflaster: Carlo wartete mit einem leckeren Mittag-Spezial-Teller auf hungrige Gäste. So gestärkt konnten wir nach einer längeren Pause  zur Stadtrundfahrt aufbrechen. Zunächst ging es zur Maria-Himmelfahrt-Kirche, um dort das wohl einzige Ölbild, das Max Pechstein 1945 gemalt hat, zu betrachten. Dafür bekam er nach der Besetzung Lebas durch polnische Truppen den Auftrag vom neuen polnischen Pfarrer. Auf einem alten Laken aus dem Strandhotel Möller, das seinem Schwiegervater gehörte, malte er ein großes Porträt der „Maria Fürsprecherin“. Das Bild zeigt eine Maria, stehend auf einer Weltkugel, die auf der tosenden Ostsee schwimmt. Ihre Hände breitet sie schützend und segnend über die ihrer Arbeit nachgehenden Fischer in in zwei Segelbooten mit polnischer Flagge aus. Das Werk ist kein typischer expressiver Pechstein, es muss aber als ein wichtiges Zeitdokument gesehen werden. Gelebt hat der große Expressionist hier von 1921 bis 1945 und während dieser Zeit herrliche Bilder in Leba und der weiteren Umgebung geschaffen. Die Polen ehren den berühmten Sohn der Stadt durch große Bildtafeln, die an verschiedenen Stellen aufgestellt sind und von seinem Leben erzählen.  Nach dem Besuch der Kirche entstand das einzige Gruppenfoto, leider fehlen einige Teilnehmer.

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem sich anschließenden Bummel durch Lebas Hauptstraßen lernten wir ein quirliges Städtchen kennen mit vielen gut renovierten Häusern noch aus deutscher Zeit, mit einer Vielzahl von Andenkenläden, Cafes und Pizzerien, einem etwas verschlafen wirkenden Bahnhof aus den 20er Jahren und zwei kleinen Findlingen, die auf Bronzetafeln die Handabdrücke polnischer Präsidenten zeigen. Das schönste Haus des Ortes, das Schloss am Meer, ehemals Kurhaus und heute das Hotel „Neptun“, konnten wir erst bei der abendlichen Schifffahrt bewundern, allerdings genossen immer wieder Gruppen dort bei Kaffee oder einem kühlen Getränk den herrlichen Blick von der Terrasse. Zuletzt warfen wir noch einen Blick auf den Hafen, ein reizvoller Anblick mit den vielen bunten Fischkuttern. Leba ist seit Jahrhunderten von der Fischerei geprägt, und noch heute zählen Fischfang und Fischverarbeitung neben dem Fremdenverkehr zur Haupteinnahmequelle.

 

 

 

 

 

Nach dem Abendbrot brachten uns die roten Elektrotaxen zum Hafen und wir enterten ein Piratenschiff. Geruhsam fuhren wir der Ostsee entgegen, warfen noch einen Blick auf den neuen Yachthafen und Strandpromenade. Doch kaum lag die Mole hinter uns, wurde unser Schiff ein Spielball der Wellen. Gutes Festhalten war angesagt, denn häufig gerieten wir in eine gewagte Schräglage. Einige wurden immer ruhiger und blasser, andere genossen diese Seereise als ein Abenteuer der besonderen Art.

 

 

 

 

 

 

 

Vom Donnerstag wird nun Anke berichten

Am vierten Tag unserer Reise wollten wir eigentlich von Leba aus zunächst zur Marienburg fahren, der größten mittelalterlichen Burganlage Europas – ein Meisterwerk der Backstein-Architektur-, und anschließend Danzig besuchen. Aber die Straßenverhältnisse ließen das nicht zu, denn wir hatten schon auf der Fahrt nach Stettin, Kolberg und Leba gemerkt, dass überall in Polen Straßen verbreitert oder neue gebaut werden, so dass an ein zügiges Fortkommen nicht zu denken war. Also entschied der Vorstand, die Besichtigung der Ordensritterburg zu streichen und nur nach Danzig zu fahren.

Tatsächlich kamen wir zwar manchmal einigermaßen schnell, häufig aber doch sehr langsam voran, konnten dafür aber in Ruhe die wunderschöne, hügelige Moränenlandschaft genießen, auf der die Gerste sich auf riesigen Feldern im Winde wellenförmig bewegte, der Weizen schon eine leicht gelbliche Färbung angenommen hatte, die Kartoffeln in geraden Reihen gediehen und auch der Mais offenbar gute Bedingungen zum Wachsen hatte. Aufgelockert und begrenzt wurden die großen Ackerflächen immer wieder durch Kiefernwälder oder größere und kleinere Baumgruppen. Windmühlen haben wir fast nirgends entdeckt, allerdings auch nur selten weidende Rinder oder Pferde. Auf der Fahrt erzählte unsere sympathische Reiseleiterin uns einiges über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems, der zunächst zu einer großen Verunsicherung und Arbeitslosigkeit geführt habe. Inzwischen habe es zwar einen erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben, aber nur in Metropolregionen bzw. Industriegebieten, während die Löhne auf dem Lande – beispielsweise in der Kaschubei – immer noch relativ niedrig seien, wo in der Landwirtschaft noch rund 28 % der Menschen arbeiten. Den Durchschnittsverdienst bezifferte sie mit mehr als 1000 €. Die derzeitigen politischen Vehältnisse bewertete sie sehr kritisch mit den Worten „leider klarer Rückschritt“.

Auch über die Geschichte Danzigs informierte unsere Reiseleiterin uns bereits während der Busfahrt: 997 zum ersten Mal als slawischer Ort urkundlich erwähnt, wurde Danzig im 14. Jahrhundert von den deutschen Ordensrittern erweitert und ausgebaut und nahm als bedeutende Hansestadt weiteren Aufschwung. Wegen der abwechslungsreichen und häufig schmerzlichen Geschichte sind bis heute in Polen außer den slawischen auch deutsche und skandinavische Einflüsse virulent. Seit dem Ende des 1. Weltkriegs (Versailler Vertrag) war Danzig eine freie Stadt, nach dem 2. Weltkrieg zu 90 % zerstört.

 

Um so erstaunter waren wir beim Anblick des Grünen Tors, als wir über eine Brücke gingen,  um  die Altstadt zu erreichen.  Zwischen 1564 und 1568 mit vier Torbögen erbaut und mit  Steinmetzdekor und Zinnen kunstvoll verziert, sieht es mehr  wie ein stattliches Herrenhaus als wie ein Stadttor aus. Und tatsächlich sollte es auch als königliche Residenz dienen, wurde aber nur einmal  als fürstliches Quartier genutzt.

 

 

 

Vorbei an Bernstein-Geschäften und Restaurants gelangten wir nach wenigen Minuten entlang der Hafenstraße zu dem berühmtesten Wahrzeichen Danzigs, dem im 14. Jahrhundert erbauten Krantor. Der mittlere Teil des vierstöckigen Backsteingebäudes mit seitlichen Ziegeltürmen ist ganz aus Holz errichtet und beherbergte den Hafenkran, der auch zum Aufsetzen von Schiffsmasten diente, fungierte aber gleichzeitig als Stadttor. Auch dieses in Europa einmalige Bauwerk fiel im 2. Weltkrieg fast vollständig den Flammen zum Opfer, wurde aber beim Wiederaufbau der Stadt samt seinem Mechanismus wieder hergestellt. Heute ist ein Teil der Sammlung des Meeresmuseums dort untergebracht.

Durch den Torbogen gelangte unsere Gruppe dann in eine der Innenstadtstraßen mit den schmalen und hohen, reich verzierten Giebelhäusern, die von den wohlhabenden Bürgern Danzigs größtenteils während der Blütezeit der Hanse errichtet worden waren. Leider sind nur bei ganz wenigen der Patrizierhäuser die ursprünglichen Treppenaufgänge mit den vorgelagerten Balkonen erhalten geblieben bzw. restauriert worden.

 

 

 

 

 

 

In einem der schönsten Gebäude dieser Stadt wurde seit 1598 das Danziger Goldwasser produziert. Innen wie außen reichhaltig         geschmückt und mit kostbaren Möbeln ausgestattet, hörten wir von einem freundlichen Angestellten die Legende der Erfindung     des Kräuterlikörs und dessen angebliche heilende Wirkung. Inzwischen wird das Goldwasser nach dem alten Rezept übrigens in Deutschland hergestellt.

 

 

Nicht weit davon entfernt steht die Marienkirche mit einem breiten Westwerk, aber ohne Turmspitze. Sie soll die größte mittelalterliche Backsteinkirche Europas sein, ihr Mittelschiff ist allerdings nicht so hoch wie das der Marienkirche in Lübeck und auch nicht so lang. Da die Marienkirche in Danzig aber als 5-schiffige Hallenkirche mit Netzgewölben erbaut – und nach 1945 wieder aufgebaut – wurde, die Lübecker aber als 3-schiffige Basilika, also mit niedrigeren Seitenschiffen, dazu mit Seitenkapellen, ist der umbaute Raum tatsächlich in Danzig erheblich größer. 25 000 Menschen sollen ohne Gestühl darin Platz finden. Der weiß gekalkte Innenraum beeindruckt durch seine lichte Größe, hat aber fast keine Freskenbemalung, dafür Epitaphien aus verschiedenen Jahrhunderten sowie eine große, im 15, Jahrhundert geschaffene Astronomische Uhr. Sie zeigt die Zeit, das Datum, die beweglichen Feiertage sowie die Mondphasen an. Um 12 Uhr erscheint im oberen Teil ein Figurenzug mit Adam und Eva, den Aposteln, den Heiligen Drei Königen und dem Tod. Auch die sehr gute Kopie des berühmten Gemäldes „Das jüngste Gericht“ von Hans Memling erinnert nachhaltig an das Ende des Lebens.

 

 

 

 

 

 

Unser Weg führte danach vorbei an wunderschönen Bürgerhäusern zum Langen Markt mit dem Neptun-Brunnen, dem Alten Rathaus und dem Artushof, dem ehemaligen Versammlungsgebäude der Würdenträger der Stadt. Bevor wir Danzig durch das Grüne Tor wieder verließen, besichtigten wir aber noch ein Gebäude, das von außen aus sieben Einzelhäusern besteht, von innen aber eine große, von oben belichtete Halle mit Emporen in allen drei Stockwerken und einem schönen, mehrfarbigen Marmorfußboden beherbergt. Im Parterre erhielten wir noch eine Lektion in Bersteinschleifen und die Gelegenheit, Bernsteinschmuck zu erwerben, was einige unserer Gruppe auch taten.

Nachdem wir in Stettin ein Kunst-Gymnasium besucht und die hervorragenden Abschlussarbeiten von Schülern kennengelernt hatten, ist es nicht verwunderlich, dass die Stadt Danzig mit einem derartigen Detailreichtum an Steinmetzarbeiten und vielfältigem Dekor wieder aufgebaut werden konnte und dass polnische Handwerker in ganz Europa für Restaurierungen und andere handwerkliche Arbeiten beschäftigt werden.

 

Mein Bericht über Freitag, unserem letzten Tag

Unser letztes Ziel war ein kleines Dorf „am Ende der Welt“, Kluki. Hier lebten einst Slowinzen, auch Leba-Kaschuben genannt. Durch  Torfmoore jahrhundertelang von Zivilisationseinflüssen weitgehend abgeschnitten, konnte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Sprache erhalten. Diese kleine Bevölkerungsgruppe – Überreste der slawischen Bevölkerung, die immer mehr zurückgedrängt wurde seit Pommern in der Mitte des 17. Jahrhunderts Teil des deutschen Reiches wurde –  lebte überwiegend vom Fischfang. Man hielt auch einige Nutztiere und baute schwarzen Hafer, Flachs, Kartoffeln und Wruken an. Vom nahen Lebasee holte man Schlamm und Tang zum Düngen der kleinen Äcker, die Frauen stellten Leinenstoffe her, die Männer fertigten ihre Netze und viele Holzgeräte selbst an. Ab 1946 wurden die Slowinzen – aus Unkenntnis ihrer slawischen Herkunft –  zusammen mit den Deutschen vertrieben, was später sehr bedauert wurde.

 

 

 

 

 

Das Freilichtmuseum zeigt ein slowinzisches Dorf Ende des 19. Jahrhunderts. Drei Gehöfte waren noch erhalten, vier weitere wurden rekonstruiert, Gemüse- und Blumengärten sowie kleine Äcker wieder hergestellt. Die einzelnen Fachwerkhäuser veranschaulichen, wie sich das Leben der Dorfbewohner seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre geändert hat.

 

Wir waren sofort sehr angetan von der idyllischen Atmosphäre dieses kleinen Ortes. In Grüppchen machte man sich auf  eine Reise in eine vergangene Zeit und entdeckte manch skurrile Gegenstände, wie etwa „Klumpys“, Holzschuhe, die man Pferden unterschnallte, damit sie auf den sandigen oder sumpfigen Wegen vorankamen oder aber nicht im Moor versanken. Natürlich  waren  unsere Künstler begeistert von den reizvollen Motiven und jeder suchte sich schnell ein Plätzchen, um sein Sujet festzuhalten. „Vertieft in künstlerische Arbeit“ und „Austausch über Geschaffenes“ so könnten die Titel der folgenden Fotos heißen, die Peter L. und Annegret V. geschossen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viel gab es zu entdecken, wie etwa die alte Schule, ein Backsteingebäude von 1863, in der sich                           eine Galerie mit pommerscher Landschaftsmalerei befindet, die leider geschlossen war. Hier werden  wirklich viele gute Werke von Künstlern in der 1. Hälfte des  20. Jahrhunderts gezeigt, wie ein Ausstellungskatalog  dazu verheißt.

 

Dafür entdeckte Karin H. hinter der Schule einen großen Baum, der sich mit gewaltigen Wurzeln auf einem Hügel festkrallte, von dem der Blick auf See und Dünen Begeisterung auslöste.

 

 

 

Gestärkt von einem „Carlo-Spezial“ oder einem Besuch im alten Gasthaus begaben wir uns auf die Heimfahrt und  bevor es zu spät dafür wurde, hieß es noch eine  „wichtige Aktion“ zu ermöglichen: nämlich Störche fotografieren. In keinem anderen  europäischen Land gibt es so viele dieser großen Vögel und oft erklang im Bus ein  spontanes „O, da drei“.

In jedem Dorf gibt es schon am Straßenrand vier bis sechs bewohnte Nester und so konnten  wir als Tierfotograf tätig werden.

 

Zum Abschluss versammelten wir uns in einem Konferenzraum, wo die Künstler ihre Bilder ausgestellt hatten. Erstaunlich viel war entstanden und vor allem in beachtlicher Qualität. Zu unserer Vernissage der „ungerahmten Ausstellung“ konnten wir zwei polnische Künstlerinnen begrüßen. Da am gleichen Tag die Ferien in Polen gegonnen hatten, ließen sich etliche entschuldigen. In lockerer Atmosphäre begrüßte Jürgen alle Gäste. Ich bat dann die Kunstschaffenden, zu ihren Bildern Stellung zu nehmen, über Gedanken und Gefühle beim Arbeiten in der Landschaft zu berichten, was für einige sicher neu gewesen ist. Es war höchst interessant, den Ausführungen zu lauschen und es tauchte der Wunsch auf, weiterhin gemeinsam im Freien zu arbeiten, vielleicht sogar auf einer „richtigen Malreise.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Samstag brachen wir bereits  um 7  Uhr  zur Heimreise auf, die staufrei verlief, aber den ersten Regen nach einer sonnenreichen Woche brachte.Doch das konnte die Stimmung nicht trüben. Den Worten und dem Gesichtsausdruck der Reisenden nach zu urteilen, waren alle von dieser besonderen Kunstreise sehr angetan!

 

 

 

Danken möchte ich allen Teilnehmern, die ihre Fotos zur Verfügung gestellt haben: Michael Feddersen, Dr. Hans-Joachim Hupe, Wolfgang Klockow, Peter Lehmann, Lutz Martin, Dr. Axel Michaelsen, Jörn Norden, Joachim Tschesch, Claus Vahle.

Entschuldigen muss ich mich als noch übende Website-Gestalterin für manche mir unerklärliche Zwischenräume in den Texten. Ich bin dem eigensinnigen Verhalten des Computers noch nicht so ganz gewachsen.

Ach, und dann hätte ich fast Bilder von den berühmten Sonnenuntergängen in Leba vergessen. Leider konnten wir dank leichter Bewölkung an jedem Abend keinen erleben, bei dem die Sonne wie ein Feuerball im Meer versinkt, die Ostsee zu brennen scheint. Doch auch so waren die späten Abende sehr stimmungsvoll.

 

 

Schreibe einen Kommentar

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu

Sie können diese HTML-Tags benutzen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>