NIKI de Saint Phalle in der Gerisch-Stiftung

Ein Besuch der Gerisch-Stiftung ist immer lohnenswert.  Wenn dort jedoch auch noch Werke der eigenwilligen Künstlerin Niki de Saint Phalle ausgestellt sind, verspricht der  Aufenthalt dort unvergessliche Stunden. So machten sich 14 Kunstfreunde per Auto und Bahn auf den Weg nach Neumünster.  Begrüßt wurde unsere Gruppe von Frau Gerisch höchstpersönlich und wir erfuhren einiges über die Stiftung, die sich eine harmonische Verbindung zwischen historischer  Architektur, Kunst und Natur als Ziel gesetzt hat. Die Kunstwerke stehen in engem Dialog mit der Natur und antworten auf diese formal und inhaltlich. Geführt wurden wir dann von der jungen Kunsthistorikerin Swe Wolters, die ihre eigene Begeisterung für die Kunstwerke auf die Gruppe übertrug. Sie wusste äußerst kompetent über die Skulpturen zu berichten  und ermunterte uns immer wieder zu eigenen Vermutungen und genauem Hinsehen.

Auf einige Werke will ich nun etwas näher eingehen. Da ist zunächst die skulpturale Parkmauer von Olaf Nicolai. Bedruckte Glasplatten als Zaunfelder schließen das große Areal zur Hauptstraße hin ab, weisen von außen auf einen besonderen Park hin und lassen den Besucher wie durch eine Wohnzimmergardine hinaus blicken.

Der Gartenarchitekt Harry Maasz, der den Park 1924 schuf, taufte den Teil des Gartens in dem die Natur sich ungestört ausbreiten darf, „Märchenwald“ und  in diesen stellte der renommierte Künstler Carsten Höller seinen monumentalen Giant -Triple-Mushroom. Ein wenig wie Alice im Wunderland kommt sich der Betrachter vor, wenn er vor dieser gigantischen Pilzkreuzung steht. Zur Hälfte Fliegenpilz und je ein Viertel genießbarer Speisemorchel und Rötelritterling stimmt das Werk uns nachdenklich. Weißt es auf gespritztes überzüchtetes Gemüse hin, auf den Wettkampf „immer größer, immer schneller“?

Begeisterung rief die begehbare Buche hervor, die ihre Zweige tief zur Erde senkt und so einen romantischen Saal bildet. Zwei Stuhlreihen weeisen darauf hin, dass hier auch Trauungen stattfinden können. Swe Wolters wies uns dann auf eine Keramikskulptur auf einem Ast hoch über unseren Köpfen hin. Menschliche Kälte hat Bernd Kastner sein Werk genannt. Es zeigt eine stolze, anmutige junge Frau, die an den Händen gefesselt auf einem Kissen kniet. Auch sie gibt Rätsel auf: Wartet sie auf ein Urteil? Hat sie Unrecht getan oder kämpft sie für die Freiheit? Vermutungen wurden laut und viele zeigten sich beeindruckt von dieser so viel Würde ausstrahlenden schönen Frau.

Großes Erstaunen löste die Skulptur Rostiger Nagel aus, als uns unsere Führerin verriet, wer sie ausgeführt hat. Es ist die erste Plastik von Peter Nagel, der  damit offensichtlich ein Selbstbildnis geschaffen hat. Nicht nur, weil er damit auf seinen Namen anspielt, sondern auch, weil er durch die Darstellung des Nagels -ein spitzer Stift, eine Drehung des Kopfes, ein Ein- und Auftauchen aus der Erde – sein künstlerisches Schaffen reflektiert. Übrigens hat Peter Nagels  Bruder Gert die massive Holzskulptur angefertigt, der der Künstler durch täuschend echte Farbe ein rostiges Aussehen verliehen hat.

Anregung für zukünftiges Tun gab etlichen Kunstfreunden die glasierte, sehr reizvolle Keramik Cedar Forest der Italienerin Chiara Dynys. Man dachte an die Gestaltung des Kreativ Huses und konnte sich vorstellen, ähnliche Bäume aus Holz anzufertigen.

Nachdem wir fast alle Skulpturen betrachtet hatten, wurde auf die angebotene Pause verzichtet. Allen gefiel die Art, wie Swe Wolters uns Kunst nahe brachte so gut, dass wir gerne ihr Angebot annahmen, zur Ausstellung zu gehen, dankbar, dass sie die geplante Zeit großzügig überschritt. In der 1903 von Hans Schnittger errichteten Jugendstilvilla waren in den einzelnen Sälen Bilder und Plastiken der verschiedenen Schaffensperioden  Niki de Saint Phalles ausgestellt. (Eine Anmerkung: die Werke durften nicht fotografiert werden).

Noch etwas steif wirken die Menschen auf den Bildern aus den 50er Jahren, aber auch hier ist schon die Freude der Künstlerin am dekorativen Ornament und an intensiver Farbigkeit spürbar. 1960 verlässt die Malerin Mann und Kinder, um sich ganz der Kunst zu widmen. Die Assemblagen entstehen, Bilder auf denen bunte Fundstücke und Alltagsmaterialien über die weiße Gipsoberfläche verteilt sind. Aufsehen erregte 1961 ihr erstes Ready-made Saint Sebastien or Portrait of My Lover auf dem der Mensch aus gebrauchsfertigen Gegenständen dargestellt ist. Niki hatte ein weißes Oberhemd auf ein schwarzes Brett geklebt, ihm eine braune Krawatte umgebunden und darüber an Stelle des Kopfes eine Wurfscheibe befestigt. Bei der ersten Ausstellung war es den Besuchern erlaubt, mit Pfeilen auf die Scheibe zu werfen. Etwas später entwickelte die Künstlerin mit ihren Tirs eine interaktive, tendenziell aggressiv erscheinende Kunstform. Beispiele dafür konnten wir im nächsten Raum betrachten. Auf diesen Bildern sind unter einer weißen Gipsschicht Farbbeutel verborgen. Niki und gelegentlich auch Besucher schossen auf die Bilder und die auslaufende Farbe gestaltete die Werke nach dem Zufallsprinzip. Berühmt wurde Niki die Saint Phalle mit ihren Nanas, Frauenskulpturen von bunter, kraftvoller Leichtigkeit. Sie symbolisieren Fruchtbarkeit, Lebensfreude, eine positive Vision von Sexualität und Weiblichkeit. Die ersten Figuren fertigte die Künstlerin noch aus Draht, Papier und Wolle an – im letzten Saal zu sehen – später dann goss sie sie in Polyester, so dass sie auch draußen stehen konnten, ja teilweise sogar begehbar waren. Und auch nach dieser Führung konnten uns noch nicht Kaffee und Kuchen locken und so führte uns Swe Wolters noch in die Gerisch Galerie. Hier waren wunderschöne Lithografien von Skulpturen der Tarot-Figuren sowie etliche Modelle zu bewundern. Wir erfuhren, dass sich die Künstlerin mit diesem Garten einen Traum erfüllte. Zwanzig Jahre brauchte sie zur Fertigstellung. Nach den 22 Figuren (Arkana) des Tarot entstanden bunte Skulpturen mit farbigen Keramiken, Spiegel-Mosaiken und Glas bedeckt, teilweise bis zu 15 m hoch und von innen begehbar. Frau Wolters zeigte uns alte Tarot- Karten und wir spürten nach, wie Niki die Motive umgesetzt hat. Spannend, dass die Künstlerin die Kaiserin in eine Sphinx umwandelte, als Frau, Mutter, Geliebte und Partnerin zugleich zu sehen. Sie diente als Wohnung und Atelier während des Schaffensprozesses.

Erfüllt von vielen wunderbaren Eindrücken stärkten wir uns mit einer sehr leckeren Torte und Kaffee oder Tee im Harry Maasz-Café.

 

Fotos: Claus und Annegret Vahle

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